«An die Olma traue ich mich nicht»

Gleich vier neue Stücke sind im Konzert des Percussion-Art-Ensembles Bern zu hören. Der St. Galler Komponist Charles Uzor steuert ein Stück über Vogelstimmen bei, das auch politisch aktuell ist.

Martin Preisser
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Der St. Galler Komponist Charles Uzor geht mit seiner neuen Komposition auch ein Stück zurück in seine afrikanische Heimat. (Bild: Martin Preisser)

Der St. Galler Komponist Charles Uzor geht mit seiner neuen Komposition auch ein Stück zurück in seine afrikanische Heimat. (Bild: Martin Preisser)

«Nri/mimicri» heisst Charles Uzors neue Komposition für Perkussionsquartett, Tonband und Ondes Martenot. Nri, das ist ein um 1920 ausgestorbenes südostnigerianisches Volk. Fast tausend Jahre hat es existiert, ohne Armee, ohne Grossreich-Denken und als Schutzraum für Sklaven. Charles Uzor erinnert mit seinem Stück auch an die mythischen Vogelskulpturen dieses Volkes – und sich selbst an seine Wurzeln. Er kam als Siebenjähriger in die Schweiz. Musik über Vögel ist für ihn auch eine Vorstellung von der letzten Natur, der Freiheit des Fliegens und der Beharrlichkeit des Singens in einer untergehenden Welt. Charles Uzor sagt: «Wir leben heute in einer ähnlichen Situation wie 1900, als Gott für tot erklärt wurde.»

«Mimikry ist ein evolutionärer Vorteil»

Das Flüchtlingsdrama geht ihm als gebürtigem Nigerianer besonders nah. «Ich bin extrem privilegiert, nicht nur den heutigen afrikanischen Flüchtlingen gegenüber, sondern auch vielen weissen Mitmenschen», sagt der St. Galler Komponist, Musiker und Kantonsschullehrer. «Mimicri» – Charles Uzor schreibt es mit c und ohne y, scharfe «cri»-Rufe unterstreichend – heisse für schwache Tiere, sich zu verstecken oder sich durch veränderte Farbe stärker zu fühlen.

Politisch bedeute Mimikry die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. «Das ist ein evolutionärer Vorteil», sagt Charles Uzor. Er stellt gegenwärtig einen wachsenden Hass in der Schweizer Bevölkerung fest. «Ich verstehe die Angst, aber ich heisse sie nicht gut. Es ist die Angst vorm Aufgefressenwerden, aber die Angst selbst frisst auf. Einfühlung wäre ein Gegenmittel», sagt der sensible Komponist, der in St. Gallen aufgewachsen und hier in der Musik- und Bildungsszene fest etabliert ist. Und er gibt zu, dass er sich abends nicht an die Olma zu gehen getrauen würde. Das stimmt nachdenklich.

Ein friedliebendes nigerianisches Volk, die Mimikry von Vögeln – Charles Uzors neue Musik ist nicht losgelöst von der momentanen gesellschaftlichen Realität, in der sie komponiert wurde. Dreihundert Vogelstimmen hat Charles Uzor studiert, sieben haben in seine Komposition gefunden. Er ahmt die Stimmen nicht einfach dokumentarisch nach wie etwa Olivier Messiaen vor fünfzig Jahren in seinen Vogelbüchern für Klavier. Sondern er setzt die Motive um bis zu acht Oktaven in die Tiefe, wodurch die Vogelstimmen auch extrem verlangsamt werden. Der St. Galler Künstler Andy Guhl, bekannt auch für seine Installationen aus elektronischem Abfall, hat ihn dabei technisch unterstützt.

«Durch Mimikry entsteht Nähe»

Charles Uzor arbeitet seit einigen Jahren an klingenden Mimikrys und stellt damit musikalisch die Frage nach Identität, Täuschung und Ähnlichkeit. Musikalische Mimikry stellt sich in «Nri/mimicri» ein, wenn die Spieler des Percussion-Art-Ensembles Bern, das in diesem Konzert mit vier Uraufführungen seinen zwanzigsten Geburtstag feiert, die elektronischen Vogelklänge nachzuahmen beginnen. «Durch empathisches Hinhören und durch Mimikry entsteht Nähe. Durchs Hinhören wird man ein Stück weit der andere, ohne sich selbst verlieren zu müssen», sagt Charles Uzor zum Spannungsverhältnis von Live- und Tonband-Musik.

Durch die enorme Vertiefung und Verlangsamung der Vogelrufe seien ganz neue musikalische Strukturen hörbar geworden: «Und auch die Luft, das Rauschen um die Vögel, wurde durch die elektronische Verfremdung plötzlich farbiger, ein faszinierendes, zartes Luft-Musik-Gemisch ist entstanden.» Vielleicht könne auch der Zuhörer innerlich einen Schritt zurücktreten und auf neue Art zuhören lernen, hofft Uzor auf die Rezeption seines Stücks heute in der Lokremise. Und er vergisst nicht, auch von der Faszination der anderen drei weiteren Uraufführungen zu erzählen. Von Urs Peter Schneiders stehend-reduzierten Klängen, von der Virtuosität eines Stücks von Jean-Luc Darbellay und den geheimnisvollen Klanginseln aus der Feder der Belgierin Jacqueline Fontyn.

Fr, 25.11., 20 Uhr, Lokremise, St. Gallen