Interview
Amerikanischer Superstar Norah Jones: «Ich will gar nicht immer die Nummer eins sein»

Sängerin und Pianistin Norah Jones erklärt, dass sie den Erfolg nicht mehr um jeden Preis sucht und warum sie Billie Eilish bewundert.

Reinhold Hönle
Drucken
Teilen
Zurück mit einem nachdenklichen Album: Norah Jones.

Zurück mit einem nachdenklichen Album: Norah Jones.

Diane Russo

Norah Jones, 41, ist die Tochter des indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar. Als Zwanzigjährige zog sie nach New York, wo sie sich in der Clubszene auch als Sängerin einen Namen machte. Für ihr 2003 veröffentlichtes Debütalbum «Come Away With Me» und die Single «Don’t Know Why» erhielt sie fünf Grammys, als erste Frau die vier wichtigsten.

Ihre Lieder sind im Lauf der Jahre nachdenklicher geworden und werden weniger im Radio gespielt. Dafür ist die musikalische Bandbreite gewachsen. Auf ihrem siebten Album «Pick Me Up Off The Floor» (Blue Note) reicht sie von der Kammerballade «How I Weep» bis zum New-Orleans-Groove von «Flame Twin». Wir erreichten die Amerikanerin per Telefon und befragten sie zu ihrem neuen Album, das sie eigentlich gar nicht aufnehmen wollte.

Norah Jones, die kämpferische Single «I’m Alive» passt perfekt in die Zeit. Wie ist sie entstanden?

Norah Jones: Ich war mit Jeff Tweedy von Wilco drei Tage in einem Studio in Chicago. Als Jeff die Fernsehnach­richten geschaut und beobachtet hat, was in unserem Land und um den Globus passiert ist, hat er den Text zu «I’m Alive» geschrieben.

Sie waren 2003 die erste Künstlerin, die bei den Grammys alle vier Hauptkategorien gewann. Billie Eilish hat das in diesem Jahr auch geschafft. Was halten Sie von ihr?

Es freut mich, wenn jemand, den du respektierst und der erfolgreich ist, Auszeichnungen gewinnt. Sie ist bewundernswert. Ich liebe ihre Musik. Sie ist eigenständig, dunkel, melancholisch und sieht gut aus, ihre Stimme ist umwerfend. Sie ist wirklich eine Ausnahmeerscheinung!

Wie sind Sie mit Ihrem Erfolg in jungen Jahren klargekommen?

Wenn ich einfach danach gestrebt hätte, den Erfolg zu wiederholen, wäre das nicht gut herausgekommen. Ich bin stattdessen meinem Herzen gefolgt. Ich will gar nicht immer die Nummer eins sein. Das wäre zu viel Druck! Ich bin glücklich, wer und wo ich bin. Ich habe ein tolles Publikum und kann mit der Musik, die ich liebe, meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich bin in einer sehr privilegierten Lage!

Welchen Einfluss hatten die sieben Grammys?

Ich habe realisiert, dass mir der Erfolg ermöglicht, nun an meinem Handwerk zu arbeiten, zu lernen und noch besser zu werden. Als mein erstes Album herauskam, war ich noch so jung. Ich war in New York, um all die wunderschönen Standards zu spielen, die schon von Legenden wie Billie Holiday interpretiert worden sind, aber ich hatte noch keine eigenen Songs geschrieben. Ich versuchte einfach, meine eigene Stimme und einen neuen Ansatz zu finden. Das mache ich heute noch, wenn ich Klassiker in mein Programm nehme.

Sie sind Mutter. Wie hat sich die Beziehung zur Musik verändert?

An der Musik hat sich nicht viel verändert, mehr an meinem Tagesablauf. Ich muss mehr kämpfen, um Zeit fürs Musikmachen zu finden.

Sie erzählten einmal von einer Freundin, die Sie im verschneiten Gstaad besucht hätten, und wie toll Sie es fanden. Was haben Sie seither in der Schweiz erlebt?

(Überlegt) Ich habe es an zwei Orten auf zwei verschiedenen Tourneen gewagt, in einen Fluss zu springen. Das eine Festival fand im Sommer statt, das andere auf einem Gletscher. Das war ganz speziell.