«Am Ende ist alles lächerlich»

Morgen abend kommt im Theater Konstanz mit «Ritter, Dene, Voss» einer der genialen, wahnsinnigen Philosophen von Thomas Bernhard auf die Bühne. Ein Blick auf die Hassliebe des Autors für seine lächerlichen Geistesmenschen.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard im Jahr 1971 vor seinem Haus in Oberösterreich. (Bild: IMAGNO/Barbara Pflaum)

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard im Jahr 1971 vor seinem Haus in Oberösterreich. (Bild: IMAGNO/Barbara Pflaum)

Ludwig ist ein genialer Philosoph. Blöd nur, ist ihm sein Genie keine Lebenshilfe. Der Philosoph in Thomas Bernhards Stück «Ritter, Dene, Voss» aus dem Jahr 1986 sitzt nämlich in der Psychiatrie, lässt sich gerne von anderen Insassen schlagen und fordert die Krankenschwestern auf, ihn zu demütigen, was ihn sexuell erregt. Der Logiker als Masochist. Unappetitlich? «Genie ist eine Verkrüppelung» prangt einem im Theater Konstanz zur Premiere von «Ritter, Dene, Voss» als Plakat entgegen. Thomas Bernhard (1931–1989) hat in seinen Theaterstücken eine Krankheitsgeschichte des Denkens vorgelegt. Martin Heidegger verachtet er als «Denkspiesser», Arthur Schopenhauer oder Ludwig Wittgenstein hingegen verehrt er und macht sie gerade deshalb in seinen Stücken zu tragikomisch scheiternden Antihelden. Ludwigs Ausstieg aus der Wirklichkeit ist nicht nur eine traurige Parodie, sondern auch eine Komödie – zumindest sah dies Bernhard selbst so. Dass er als Düstermann galt, war ihm unverständlich: «Wo ich laut auflache, finden das die Leut überhaupt nicht zum Lachen. Das versteh ich nicht», sagte er einmal in einem Interview.

Bernhard furioser Staats-Ekel

Ein Spassmacher war Thomas Bernhard natürlich trotzdem nicht – jedenfalls nicht in dem klamaukigen Sinn der heute so beliebten Comedy. Nein: Bernhard beharrt immerzu auf dem Höchstmass an Verzweiflung, Empörung, Ekel und Ernsthaftigkeit – erst von hier aus zieht er das Menschsein ins Lächerliche. Und das hat sehr viel mit seinem eigenen Lebensgang zu tun. Vaterlos aufgewachsen, hat er einige Jahre bei den Grosseltern gelebt, dann ungeliebt bei der wiederverheirateten Mutter. Ab 1942 ist er Zögling in einem Nazi-Erziehungsheim und nach dem Krieg in einem katholischen Internat, in welchem die gleichen Züchtigungsmethoden angewandt worden seien, schreibt Bernhard später. Im bruchlosen Übergang vom Nazi-Staat zur Republik Österreich sieht er seinen furiosen Staatsekel begründet, den er seinen Bühnenfiguren noch Jahrzehnte später in den Mund legt: Die Österreicher seien allesamt katholische Nazis in einem verlogenen Kulissenstaat, heisst es etwa in «Heldenplatz» aus dem Jahr 1988. Kaum verwunderlich, dass er mit seinen unbarmherzigen Theaterstücken und Romanen in Österreich zum gehassten, aber auch umjubelten Autor wurde.

Der Zorn entsteht im Totenbett

Vollkommen verloren fühlt sich Thomas Bernhard schliesslich in einer gespenstischen Situation: Der schwer lungenkranke junge Mann wird 1949 als hoffnungsloser Fall zu den sterbenden alten Männern gelegt. Die Wiederauferstehung aus dem Totenbett sei ihm nur dank seines verstorbenen Grossvaters Johannes Freumbichler geglückt. Dieser war Schriftsteller, und die Briefe seiner Frau zeigen ihr Lebensdilemma auf: Mit Künstlern zu leben, sei eine Tortur. Diese seien notwendigerweise vollkommene Egozentriker, was sie zu launenhaften Tyrannen mache. Dieses Motiv durchzieht später alle Theaterstücke Thomas Bernhards. Der junge Mann lässt sich die Bücher des Grossvaters bringen, liest Philosophen und beginnt zu schreiben. Diese Selbstrettung aus dem Denken heraus gegen widrigste Umstände interpretiert er später als Ursprung seiner legendären kompromisslosen und oft genug auch rabiat-beleidigenden Hartnäckigkeit.

Meisterlicher Empörungswitz

Dass Bernhard überhaupt Theaterstücke geschrieben hat, mag verwundern. In einem seiner vielen wütenden Leserbriefe schreibt er: «Theaterstücke sind das Dümmste, das auf die Bühne gebracht werden kann, denn ich weiss, wie grossartig es ist, wenn ein Glas Bier auf die Bühne gebracht wird!» Ein herrliches Beispiel für die Gleichzeitigkeit von Empörung und Witz, die Thomas Bernhard so meisterhaft beherrschte. Und weil er den unbeherrschten Tyrannen in seinen Theaterstücken dieselben Übertreibungen und Selbstgefälligkeiten in den Mund legt, wirken sie auch zum Lachen. Herrschsüchtige Grobiane sind sie alle: Der pessimistische «Weltverbesserer» ist ein selbstverliebter Jammerlappen, der für seine Abhandlung «zur Verbesserung der Welt» geehrt wird. Eine absurde Ehrung, denn darin steht, die Welt sei nur zu verbessern, indem man sie abschafft. «Immanuel Kant» reist als Irrer nach Amerika, in Begleitung eines aufgeklärt plappernden Papageis. Sie verfluchen die Welt und tyrannisieren ihre Mitmenschen.

Zerbrechliche Tyrannen

Was die Tyrannen trotz allem liebenswert macht? Sie sind zerbrechliche Figuren. Ihre komische Tyrannei ist der verzweifelte Versuch, dem Lebensekel zu entkommen – mit Kunst und Philosophie und mit autoritärem Perfektionismus, der ständig in Verachtung umschlägt. Um am Ende festzustellen, dass Kunst und Philosophie das Allerlächerlichste sind: vollkommen nutzlos. So nimmt auch das Stück «Ritter, Dene, Voss» seinen Gang. Die Herkunft bleibt übermächtig: Beim Kurzaufenthalt bei den Schwestern bricht Ludwig zusammen, nachdem er das Essen und mit ihm das inzestuöse, krankhaft autoritäre Familiendesaster und seine Rolle als «Gewaltmensch und Geisteskrüppel» ausgespuckt hat.

Thomas Bernhard: «Ritter, Dene, Voss». Theater Konstanz. Ab 29.1.

Aktuelle Nachrichten