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Am Ende hungerte er sich zu Tode

Nikolai Gogol war hässlich und verspottet, rächte sich aber mit genialer Satire. In Hagenwil kommt seine zeitlos-bissige Komödie «Der Revisor» von 1832 auf die Bühne. Ein Gespräch mit den Theatermachern über Komik, Spott und Rache.
Hansruedi Kugler
Regisseur Florian Rexer und Schauspieler Hans Rudolf Spühler auf der Bühne im Schloss Hagenwil. (Bild: Hansruedi Kugler)

Regisseur Florian Rexer und Schauspieler Hans Rudolf Spühler auf der Bühne im Schloss Hagenwil. (Bild: Hansruedi Kugler)

HAGENWIL. Wie alle Porträtbilder des russischen Autors ist auch das hier abgebildete eine glatte Lüge: Nikolai Gogol war nämlich kein hübscher, sondern ein hässlicher Mann. Seine Zeitgenossen schilderten ihn als mageres Männchen mit schiefem Gang, tränenden Augen, Hautausschlägen und einer langen, krummen Nase. In Biographien liest man deprimierende Sätze wie: «Von einer Frau, die Gogol ernsthaft begehrt hätte, ist nichts bekannt.» Damit nicht genug: Gogol war kränklich, litt unter Verfolgungswahn und hungerte sich schliesslich in religiösem Wahn gar zu Tode. 1852 starb er, gerade mal 42jährig. Zuvor hatte er noch in einem Anfall von Selbstgeisselung ein dickes Manuskript verbrannt: Der zweite Teil seiner epochalen Satire «Die toten Seelen» über den grotesken Handel mit verstorbenen Leibeigenen.

Alles Schlechte verspotten

Wie ist es möglich, dass Nikolai Gogol, eine gequälte Seele, ein von Kindheit an Verspotteter, zu einem der grössten Humoristen des 19. Jahrhunderts wird? Als Schauspieler abgelehnt, wird der Sohn eines ukrainischen Gutsbesitzers zunächst Privatlehrer und ist zeitweise als Schriftsteller erfolgreich. Seinen Schreibantrieb formulierte er so: «Im <Revisor> beschloss ich, alles Schlechte, das ich nur kannte, zusammenzutragen und mit einem Schlag dem Gelächter preiszugeben.» Tatsächlich machen sich im Stück alle lächerlich: Richter, Bürgermeister, Schuldirektor, Gutsbesitzer – sie sind korrupt und bestechen in ängstlichem Übereifer einen Unbekannten, den sie für den gefürchteten Revisor halten.

Rächt sich hier ein Verspotteter mit ätzendem Spott an seiner Zeit? Regisseur Florian Rexer, der den <Revisor> für die Schlossfestspiele ausgewählt hat, sagt: «Gogol ist ein tragischer Fall. Bei ihm war die Rache sicher ein starkes Motiv. Aber er hat auch gemerkt, dass die direkte Provokation verpufft. Sogar der Zar lachte über sein Stück. Das liess Gogol verzweifeln.» Der Zar lachte aber wohl auch, weil das Stück eine grossartige Komödie menschlicher Schwächen ist – und ein modernes Stück, das ohne eine einzige positive Figur und ohne Happy End trotzdem perfekt funktioniert und als Komödie nicht auf die Sozialkritik beschränkt bleibt.

Unnütze Provokationen

Dennoch: Ist Satire eine wirkungslose Kunstgattung? «Keineswegs. Aber aus blosser Rache gelingt selten ein grosses Kunstwerk», sagt Florian Rexer. Wie hält es Regisseur Rexer selbst mit der Provokation? Er spiele sicher nicht gegen sein Publikum, hält er fest. «Ich verzichte in meinen Inszenierungen immer mehr auf aktuelle Anspielungen und auf Provokationen. Solche konkrete Kritik funktioniert einfach nicht.» Diese Erfahrung habe er auch als Regieassistent bei Claus Peymann am Berliner Ensemble gemacht. Der legendäre Theaterregisseur habe immerzu Einfluss auf die Gesellschaft nehmen wollen, auf der Bühne und in Interviews zu allen möglichen Themen. «Peymann wollte sich an der Gesellschaft rächen. Es hat auch bei ihm nicht funktioniert», sagt Rexer.

Vorläufer von Kafka

Dass Nikolai Gogol über sich selbst lachen konnte, hält Florian Rexer für unwahrscheinlich. Auch Hans Rudolf Spühler, der im «Revisor» den Richter spielt und sich intensiv mit dem russischen Autor beschäftigt hat, sagt: «Gogol war wohl wegen des ständigen Spotts über ihn zu gekränkt, um noch über sich selbst lachen zu können.» Ein tragisches Künstlerschicksal. Schon in der Schule kompensiert Gogol sein Aussenseitertum mit dem Erfinden von Geschichten, mit Überspitzung, mit Karikatur und später mit grotesker Phantastik: In der Erzählung «Die Nase» verliert einer seine Nase, die beim Friseur auftaucht, ihm als Mensch begegnet und sich später wieder in seinem Gesicht befindet. Ein Albtraum, der Kafkas «Verwandlung» Jahrzehnte vorausnimmt.

Die Besserung des Menschen

Warum sich Gogol am Ende zu Tode gehungert hat? «Er war offenbar psychisch krank», sagt Florian Rexer. «Aber er hatte auch keine Distanz zu seiner Literatur.» Als Künstler brauche man die Möglichkeit der Distanz oder des Rückzugs ins Private. Sonst sei die Last des möglichen Scheiterns kaum zu tragen. «Der Revisor» funktioniert hingegen auch heute noch als zeitlos-bissige Komödie. «Sein Aussenseitertum hat Gogol zum genialen Menschenbeobachter gemacht, der das Komische und die menschlichen Schwächen genau erkannt hat», sagt Spühler.

Und Gogol hatte eine Mission: Die Verbesserung der Menschen. Er glaubte, durch das Lachen über eigene Schwächen würden sich die Menschen bessern. Eine freundliche Haltung, die auch Florian Rexer und Hans Rudolf Spühler sympathisch finden. Gogol sah diese Verbesserung der Menschen zuletzt im religiösen Wahn immer düsterer als Teufelsaustreibung. Sein Schreiben war ihm immer auch Selbsttherapie gegen seine eigenen vermeintlichen Laster. Und sein Hungertod war so gesehen eine makabre Teufelsaustreibung am eigenen Körper.

Schlossfestspiele Hagenwil, Nikolai Gogol «Der Revisor», Regie Florian Rexer. Premiere morgen Donnerstag, 20.30 Uhr. Weitere Vorstellungen bis 27. August. www.schlossfestspiele-hagenwil.ch

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