Altern als bunter Theaterreigen

Die St. Galler Theatertruppe «Colori» präsentiert am Wochenende in ihrer Sala an der Gottfried-Keller-Strasse Szenen rund um das Thema Alter und Altern: Informativ, zum Nachdenken anregend, lustig und bitterbös.

Beda Hanimann
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Theaterprofis, die auch in anderen Berufen sattelfest sind: Die Truppe «Colori» beleuchtet das Thema Altern von verschiedenen Seiten. (Bild: pd)

Theaterprofis, die auch in anderen Berufen sattelfest sind: Die Truppe «Colori» beleuchtet das Thema Altern von verschiedenen Seiten. (Bild: pd)

Der Titel des Stücks heisst eher nüchtern «Alter und Altern», darunter steht der Vermerk «eine Menükarte». Es gibt eine Vorspeise, mehrere Hauptgänge, Desserts. Etwa diese: «Den Alltag meistern: Was lange Zeit normal war, wird langsam schwieriger.» Oder diese: «5 nach Sex: Liebe und Erotik im Alter?! Heisser Brei – cool serviert.» Zum Dessert dann: «When I'm 64! Text und Musik. Unser Schöggeli zum Kaffee.»

Das also sind einige Gänge, einige Szenen aus der neuen Produktion des Theaters «Colori». Die Speisekarte ist dabei mehr als ein Gag. So wie sie im Restaurant auflistet, was zu haben ist (ohne dass jemand auf die Idee käme, alles zu bestellen), so verstehen sich auch die «Colori»-Nummern als Angebot von Szenen. Der Kunde wählt ein halbes Dutzend aus, das ergibt eine Produktion von 20 bis 45 Minuten Dauer.

Begleiten und unterstützen

Kunde, ja. Nicht Theaterbesucher. Denn die «Colori» sind eine Theatertruppe der etwas speziellen Art. Seit gut 15 Jahren spielt sie vor allem Auftragstheater, wie Mitbegründer Richi Diener sagt. Das geht so: Zu einem bestimmten Thema werden Szenen entwickelt (neben der Altersthematik bietet die Truppe auch Szenen rund um Schulnotfälle wie Mobbing, Amoklauf oder Selbstmorddrohung an). Die Spielszenen können für Kongresse, Weiterbildungsveranstaltungen und andere Anlässe gebucht werden als Auflockerung, Begleitung und auch Unterstützung. «Es ist wie ein Baukasten, je nach Bedürfnis und Umfeld passen andere Szenen», sagt Diener. «An der Eröffnung eines Altersheims werden wir etwas anderes spielen als an einer Weiterbildung von Pflegeheimangestellten.»

Material zusammentragen

Eine Art dokumentarisches Theater also? Diener zögert. «Schwierig zu sagen.» Einzelne Szenen seien dokumentarisch-informativ, andere lustig, wieder andere regten zum Nachdenken an. Und nochmals andere könnten bitterbös sein. Auch formal ist die Bandbreite gross, vom minimal theatre über den tragisch-komischen Dialog und die Audio-Collage bis zur musikalischen Darbietung. Die Erarbeitung eines neuen Themas beginnt jeweils mit Improvisation. «So tragen wir Material zusammen, streichen wieder, entwickeln daraus Szenen», erläutert Diener.

Verschiedene Zugänge

Die Vielfalt in Form und Präsentation entspricht der seit bald dreissig Jahren bestehenden Truppe – und ihrer Zusammensetzung. Von den Gründungsmitgliedern sind neben Diener noch Eveline Hauser und Fredi Rauner dabei, einige sind dazugestossen und wieder gegangen, das aktuelle Quintett vervollständigen Barbara Schällibaum und Verena Gabathuler.

Sie alle haben eine Schauspielausbildung, arbeiten aber gleichzeitig in anderen Berufen. Sie sind etwa auch Erwachsenenbildner, Theaterpädagogen, Coach, Bewegungstherapeutin, Trommellehrerin oder Sozialarbeiter. «Das bedeutet: Wir sind nicht abhängig von der Schauspielerei, das war immer die Absicht», sagt Diener. Es heisst aber auch: Durch die unterschiedlichen Tätigkeiten abseits der Bühne ergeben sich mannigfache Perspektiven und Zugänge zu einem Thema. Einmal in der Woche treffen sich die Mitglieder in St. Gallen zur gemeinsamen Theaterarbeit.

Start mit Strassentheater

Entstanden ist die freie Theatertruppe «Colori» 1984. Man trainierte in Trogen und St. Gallen und spielte in der Schweiz und in halb Europa Strassentheater. In den Folgejahren entstanden Produktionen für Kleinbühnen, mit Ausnahme von Georg Büchners «Leonce und Lena» im Jahr 1987 alles selbst erarbeitete Stücke. Die Strasse blieb aktuell, auch über eigene Produktionen hinaus: In den 90er-Jahren bot «Colori» an verschiedenen Orten der Schweiz Strassentheaterkurse für politisch aktive Profis und Laien an.

Ab Mitte der 90er-Jahre entstanden sogenannte theateranimierte Planspiele zu Themen wie «Kommunikation mit Fremdsprachigen», «Veränderungen in Unternehmen und in sozialen und kulturellen Institutionen» oder «Kreativität und Zeitdruck».

Theatralische Störköche

Und nun also das Thema Alter. An der Premiere vom kommenden Samstag in der Sala, dem Proberaum an der Gottfried-Keller-Strasse 40, präsentieren «Colori» einzelne Szenen, «ein reichhaltiges Angebot mit aktuell zubereiteten Köstlichkeiten zum Thema Alter und Altern». Die Premiere ist bereits ausverkauft, am Sonntag sind noch Plätze frei. Aber damit ist der Herd erst richtig eingeheizt. Quasi als Störköche werden die «Colori»-Mitglieder künftig an Tagungen, Weiterbildungen und Themenanlässen ihr Menu kochen.

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