Alte Musik neu interpretiert in St.Gallen: Parodieren heisst bei Bach Veredeln

In der Reihe Alte Musik St. Gallen waren am Sonntag die Messen in G-Dur und g-Moll von Johann Sebastian Bach zu hören - durchweg solistisch besetzt. Das erlaubt dem Collegium Instrumentale und den Sängern virtuose Tempi und gestalterische Freiheiten. Es hat aber auch Nachteile.

Bettina Kugler
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Im Solistenquarett der Bach-Messen: Der österreichische Tenor Daniel Johannsen.

Im Solistenquarett der Bach-Messen: Der österreichische Tenor Daniel Johannsen.

Bild: PD

Es gilt, mit hartnäckigen Vorurteilen aufzuräumen: Etwa, dass Johann Sebastian Bach in Eile war, wenn er beim Komponieren auf Vorhandenes zurückgriff. Dass er sich bei Gelegenheit mit schlichter Mehrfachverwertung seiner Werke behalf. Oder, noch schlimmer, dass diese sogenannten «Parodien» - ein unglücklicher, aber musikwissenschaftlich etablierter Begriff - nur «Schnittblumen» seien von einst prächtig in Blüte stehenden Kantaten. So sah es Albert Schweitzer, Arzt, Theologe, Organist und profunder Bachkenner.

Die Zeiten haben sich geändert, und die Bachforschung hat längst erkannt, mit welcher Akribie und Detailversessenheit Bach seine schon existierenden Kompositionen umarbeitete. Keine Frage: Er stülpte ihnen nicht einfach einen neuen Text über oder änderte die Besetzung nach vorhandenen Ressourcen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass Bach gerade Arien und Chorsätzen, die er besonders schätzte, durch «Parodie», also die Wiederaufnahme und Bearbeitung in einem späteren Werk, zu neuem Leben, sogar zum erhofften Nachleben verhalf - womit er seiner Zeit voraus war. Schönstes und mächtigstes Zeugnis dieser These ist Bachs Meisterwerk: keine Kantate, kein Oratorium, sondern die h-Moll-Messe als Summa seines Könnens. Lateinische Sakralmusik für die Ewigkeit.

Mehr als «Schnittblumen» aus Bachs Garten

Man muss das nicht wissen, um auch in den beiden auf Kyrie und Gloria beschränkten «Kurzmessen» in g-Moll und G-Dur BWV 235 und 236 einzusehen: von Trockensträussen der Bachschen Satzkunst zu reden, wäre absurd. Zumal, wenn sie so eloquent und mitreissend, so beweglich und lebendig musiziert werden wie im zweiten Konzert der Reihe Alte Musik St. Gallen unter der Leitung von Michael Wersin.

Dessen Einführung vor Konzertbeginn in der Kirche St. Mangen gab Einblick in Bachs Kompositionsverständnis und seine Auffassung von einer hierarchisch geordneten Welt, in der alles, auch die Musik, den Schöpfer spiegelt - wohlgemerkt Gott, nicht den Komponisten. Dieser war im Barock redlicher Handwerker und Diener; im Falle Bachs zweifellos ein nach Vollkommenheit strebender Diener und «Zusammensteller» im reinsten Sinn des Wortes. 

Die Sänger dominieren - und werden kein Ganzes

Ein rücksichtsloser zudem, was die Fertigkeiten der ausführenden Musiker betrifft: endlose Koloraturketten auch in den vierstimmigen Chorsätzen rufen nach kleinstmöglicher Profibesetzung mit einander vertrauten «geläufigen Gurgeln», wie sie Michael Wersin mit Miriam Feuersinger, Terry Wey, Daniel Johannsen und Lisandro Abadie verpflichten konnte. Auch das Collegium Instrumentale der Kathedrale St. Gallen spielte in einfacher Besetzung sämtlicher Stimmen - und geriet dabei des öfteren akustisch ins Hintertreffen.

Vier versierte, gestaltungsfreudige Bachsänger vereint in ihrem Element: dagegen haben filigrane, wunderbar leicht und tänzerisch spielende Violinen nur wenig Chancen. Umso mehr freut man sich auf die Arien. Etwa auf Daniel Johannsens geschmeidigen Tenor, der wirklich alles an Ausdrucksvielfalt und -fülle  aus dem sich wiederholenden Text des «Quoniam tu solus sanctus» holt - als sei es ein wortreiches Kantatenrezitativ. Auf die Lichtblitze der Sopranistin Miriam Feuersinger im Duett mit dem elegant timbrierten Altus Terry Wey, auf die Geläufigkeit und wohlklingende Erdenschwere Lisandro Abadies.

In den Arien kommt dann auch das feinsinnige Miteinander der Generalbassgruppe schön zur Geltung. Überkomplex dagegen wirken die eigentlich für (wenn auch klein besetzten) Chor gedachten Sätze, weil da die Individualität jeder der vier Solostimmen zu stark herausstrahlt und um Beachtung wirbt. Das Ohr ermüdet ob der Pracht und Kunstfertigkeit. Nur selten entsteht eine Art singende Glaubensgemeinschaft und Einmütigkeit wie im «Gloria in excelsis» der G-Dur-Messe. Dieses gab es denn nach stehenden Ovationen auch noch ein zweites Mal zu hören und zu bewundern.

Nächstes Konzert der Reihe Alte Musik St. Gallen: Posaunenquartett OPUS 4, Verena Förster (Orgel), Frühbarocke doppelchörige Wechselspiele. Sonntag 16.2, 17 Uhr, Kirche St. Mangen

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Martin Preisser