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Lyrik: «Als ob es im Dickicht der Dinge eine Lichtung gäbe»

«Vielstimmig», der neue Gedichtband der Appenzeller Lyrikerin Andrea Maria Keller, schlägt keine avantgardistischen Töne an, aber zeigt die Welt in einem betörend eigenen Licht.
Charles Linsmayer
Die Lyrikerin Andrea Maria Keller.

Die Lyrikerin Andrea Maria Keller.

Als die in Bern lebende Appenzellerin Andrea Maria Keller 2013 ihre letzte Gedichtsammlung, «Mäanderland», vorlegte, leuchteten sie für den Luzerner Kritiker Urs Bugmann in den «lichtvollen Farben des Impressionismus». Dass der hochgebildete Verleger Thomas Howeg nach fünf Jahren erneut Gedichte der Autorin druckt, will etwas heissen, und auch in «Vielstimmig» begegnen uns wieder helle, lichtvolle Farben und Bilder: Im Sommer «am See», wo «Klänge flattern, flackern, taumeln / in der Luft, Schmetterlinge, / sommertrunken», aber auch noch «Ende Oktober», wenn das Licht «ziellos durch die Gassen lungert» und am Stadtrand «die Raben / das Erntedankfest» feiern.

Impressionistisch leicht wirken auch die den Band beschliessenden Haikus und Tankas, die Andrea Maria Kellers stilistisch-formale Meisterschaft bezeugen: «Schau, wie die Biene / flugs tausend Apfelblüten / ahnungslos vermählt.» – «Novemberregen /Tag und Nacht. Der See wäscht den / Bäumen die Füsse.» Allerdings ist es ein «blind date», in dem die Autorin sich mit dem Leben einlässt, denn unter den Sternen, die darüber schimmern, drohen die «schwarzen Löcher / die dich schweigend in das dir beschiedene, / bescheidene Lot rücken».

Die Bilanz der Beobachterin und Sammlerin fällt nüchtern aus, und dem Beglückend-Frohen steht immer auch nachdenklich Stimmendes gegenüber. So nimmt sie etwa, Flaneurin und Stadtbummlerin par excellence, das «Treibgut» von Verlorenen und Desorientierten wahr: den müde gewordenen alten Lehrer im Quartiercafé, die «sans papiers» im Zürcher Hauptbahnhof, die Exoten im Tram, «ein jeder in einer eigenen Welt, / auf dem Weg durchs Irgendwo / nach Haus.»

Tröstliches und Ermutigendes

2013 hat Andrea Maria Keller eine Sammlung träfer Wortkombinationen wie «Pechvogelnest» oder «Sprachlandstreicher» publiziert, und auch hier potenzieren Fundstücke wieder die thematische Vielfalt. Kinderfragen oder Werbespots regen zum Nachdenken an, Gedichte von Rilke, Erika Burkart oder Ingeborg Bachmann, deren «Erklär mir Liebe» sie aus der Allgemeingültigkeit in den nüchternen Alltag einer Beziehung herunterholt, lösen einen Dialog aus, und die «Bruchstücke aus dem Reich der Mitte» entpuppen sich als tiefgründige Aphorismen wie «Wer sich dem Leben hingibt, /wird getragen» oder «Wer den Schatten / zu bannen sucht / zieht ihn magisch an».

Gedichte schreiben ist kein Freizeitvergnügen. «Papier treibt manchmal / zum Wahn. Sinn schaffen / ist schneller gesagt als bewirkt / und inzwischen verpönt», heisst es vielsagend einmal, und doch wird aus den Versen mehr oder weniger deutlich das Bestreben fassbar, den «schwarzen Löchern» Ermutigendes, ja Tröstliches gegenüberzustellen, «das Stolpern / zu einem Teil / des Tanzes» zu machen, «sich hin und wieder/ mit ein wenig Glück / von der Stange (zu) begnügen».

Das geschieht, wenn das Dolce far niente in einem durchaus unbürgerlichen Sinn zum «Tagwerk» der Dichterin wird, wenn ein Schubert-Quartett, zufällig im Autoradio erklingend, dazu führt, dass einem «die Welt für eine Weile gestohlen bleiben» kann, das geschieht, wenn aus den «Sommerlauten, warmen Farben und Düften» die Hoffnung wächst, «in grauen Tagen /nicht darben zu müssen». Das geschieht im Erlebnis der Liebe, das, so scheu und schamhaft es angedeutet ist, so wundervolle Verse wie «Schicht um Schicht» hervorbringt, wo die herumliegenden Kleider einen Moment evozieren, in dem sich zwei Menschen «auflösen samt Zeit im Raum».

Und ebenso diskret und geheimnisvoll ist in den Gedichten das Walten einer höheren Instanz fühlbar. Wenn Gott in den Strassenfeger schlüpft, der die Wege wischt, wenn die alte Frau, die den Kot des Pudels in ein Plastiktütchen pickt, «oh Gott, oh Gott» sagt, oder wenn einen mitten im geschäftigen Weihnachtsrummel aus dem Nichts «eine Weite überfällt», «mit von weiss nicht wo / vertrauten Klängen, / die Wehmut mit Heiterkeit paaren, /als ob es / im Dickicht der Dinge /eine Lichtung gäbe».

Andrea Maria Keller: «Vielstimmig». Gedichte. Edition Howeg, 174 S., Fr. 34.-

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