«Als literarische Figur wäre mir Lisa Marti zu direkt»

Von Schriftstellerkollegen bekomme ich oft ihre neuen Bücher, und wenn ich Zeit habe, lese ich sie gern.

Bettina Kugler
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Peter Stamm hat Lisa Martis Lebensgeschichte «Mutanfall» gelesen. (Bild: Reto Martin)

Peter Stamm hat Lisa Martis Lebensgeschichte «Mutanfall» gelesen. (Bild: Reto Martin)

Von Schriftstellerkollegen bekomme ich oft ihre neuen Bücher, und wenn ich Zeit habe, lese ich sie gern. Dieses hier, «Mutanfall» von Lisa Marti, hat mir kürzlich ein Freund ausgeliehen – weil darin eine wahre Lebensgeschichte erzählt wird, die einige Parallelen zu meinem Roman «Weit über das Land» aufweist. Nach einem Ehestreit läuft Lisa Martis Mann Ernst aufgebracht aus dem Haus; er kehrt noch einmal zurück, und als sie nicht mit ihm reden will, verschwindet er – für immer.

Abtauchen im Klöntal

Ich wusste nicht von diesem authentischen Fall und dem 2011 erschienenen Buch, als ich «Weit über das Land» schrieb. Manches ist in meinem Roman anders: Es gibt keinen Streit, es gehen keine Konflikte und Seitensprünge voraus. Lisa Marti spricht offenherzig darüber, ebenso über ihre freudlose Kindheit als Verdingkind, in einer Familie, in der sie zwar nicht geschlagen oder missbraucht wurde, aber keinerlei Liebe erfuhr. Dass ihr Mann ausgerechnet in einer Gegend abtaucht, durch die ich auch Thomas im Roman streifen lasse, ist ein schöner Zufall. Ein spezieller Ort, dieses Klöntal – mit einem Stausee und Felswänden, die hundert Meter hoch ragen wie ein Dom. Als ich dort hinkam, wusste ich: Hier soll Thomas unterwegs sein.

Bei literarischen Texten lese ich mit professioneller Neugier für handwerkliche Aspekte des Schreibens. Ich schaue, wie die Geschichte gebaut ist, welche Wirkung die Sprache hat. Das lässt sich nie völlig ausblenden. In dieser Hinsicht ist Lisa Martis Buch nicht sonderlich ergiebig. Es ist solide aufgeschrieben von einer Journalistin; es hat keine Längen, die Sprache ist in Ordnung – doch interessiert hat mich vor allem, wie Lisa Marti mit dem Verschwinden ihres Partners umgegangen ist, mit der Frage, ob er noch lebt. Sie war sich immer sicher, dass er nicht zurückkommt – und hat doch weiter auf ihn gewartet. Sie sieht sich nicht als Opfer. Berührt hat mich die Art, wie sie von ihrer Kindheit erzählt. Manche zerbrechen an solchen Erfahrungen. Sie wurde stark. Doch als literarische Figur wäre sie für meinen Geschmack zu direkt; sie sagt, was sie denkt, und macht, was sie will.

Wenn ich im Ausland auf Lesereise bin, fragen die Leute meistens als erstes, welche Autoren aus diesem Land ich gelesen habe. Das ist mir als Auswahlkriterium für Lesestoff eher fremd. Ich interessiere mich für bestimmte Themen und stosse bei der Lektüre meistens auf weitere Bücher aus diesem Kontext. Gerade ist es eine Abhandlung des Kulturwissenschafters Heinz Drügh, «Ästhetik des Supermarkts». Unorte wie Einkaufszentren befremden und faszinieren mich zugleich.

Klassiker, Camus, Hemingway

Solche Lektüren hinterlassen indirekt Spuren in meinen Büchern. Was mich aber prägt, sind die Bücher, die ich mit zwanzig oder früher gelesen habe: im Stil vor allem Hemingway, in der Haltung Camus, sein Existenzialismus. Auf dem Tablet habe ich immer einen Klassiker; momentan ist es «Der grüne Heinrich» von Gottfried Keller. Der begleitet mich, auch auf kurzen Strecken im Stadtbus.