Alpaca-Poncho statt Gold und Myrrhe fürs Jesuskind

In der Gegenüberstellung der «Misa Criolla» von Ariel Ramírez mit Messsätzen von Palestrina und Victoria zeigen Niklaus Meyer und der St. Galler Kammerchor am Samstagabend, wie unterschiedlich christliche Frömmigkeit musikalisch wirken kann.

Charles Uzor
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In der Gegenüberstellung der «Misa Criolla» von Ariel Ramírez mit Messsätzen von Palestrina und Victoria zeigen Niklaus Meyer und der St. Galler Kammerchor am Samstagabend, wie unterschiedlich christliche Frömmigkeit musikalisch wirken kann. In der Betonung der Phrasierung, Rhythmisierung und Artikulation wirken Ramírez' Klänge bei Meyer echter. Palestrinas Musik scheint, trotz des hingebungsvollen Chorklangs, distanziert, quasi von oben zu kommen. Hingegen lässt Meyer Ramírez' Bekenntnis von unten, aus tief menschlichem Empfinden sich verströmen.

Berauschte Dialoge

Die an argentinischen Rhythmen berauschten Dialoge zwischen Chor, Soli und Orchester haben nichts mit der Strenge der römisch-katholischen Messe gemein. Paolo Vignoli und Heiri Trümpi singen ihren Solopart mit hör- und sichtbarer Lust. Vignoli, dessen Tenor in den unbegleiteten Stellen besser trägt, gibt viele rhythmische Impulse und infiziert die Bühne mit lateinischer Ausstrahlung.

Besonders spürbar ist die fröhliche, von indianischer und kreolischer Volksmusik inspirierte Religiosität in Ramírez' fast zeitgleich komponierter Weihnachtskantate «Navidad Nuestra». Hier setzt er die Kindheit Jesu in helle Klänge, formal weniger kompakt, aber melodisch erfinderischer und farbiger. Die Freude steckt an, und der Swing überträgt sich von der Begleitgruppe auf Chor und Solisten. Im Text spricht argentinische Lebenswelt: Statt aus dem Morgenland kommen die Könige aus der eisigen Pampa, statt Gold und Myrrhe bekommt das Neugeborene Käselaibe, dazu Basilikum und Thymian – und einen Poncho aus echter Alpaca-Wolle!

Wunder der Begleitung

Ein Wunder atmosphärischer Begleitung demonstriert das Instrumentalensemble. In Jury Clormanns und Antonio Malinconicos einführenden Dowland-Duos, aber auch in den zarten Gitarren- und Kontrabass-Soli wirkt die verbindende Kraft improvisierter Musik.

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