Almaviva im Wahlkampf

Prachtvoll die Stimmen, gross die Spielfreude, aber höchst eigenwillig die Regie: Das Theater Winterthur eröffnet mit Mozarts Oper «Le Nozze di Figaro» die Saison – einem Gastspiel des Theaters Heidelberg.

Rolf App
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In der Heidelberger Inszenierung mutiert Mozarts Graf von 1780 zum Parteichef von 1960. (Bild: Annemone Taake)

In der Heidelberger Inszenierung mutiert Mozarts Graf von 1780 zum Parteichef von 1960. (Bild: Annemone Taake)

Natürlich wissen sie in Heidelberg nicht so genau, dass in der Schweiz gerade Wahlkampf ist. Doch ein schöner Zufall ist es doch, dass draussen die Plakate hängen – und drinnen auch.

Das Theater Heidelberg ist nämlich zum Saisonstart zu Gast am Theater Winterthur, mit Wolfgang Amadeus Mozarts «Le Nozze di Figaro». Und René Munz, der Direktor in Winterthur, macht in seiner Ansprache am Samstagabend auch die Politik zum Thema. Es ist die Winterthurer Lokalpolitik, die ihm auf dem Magen liegt. Genauer: Es sind die unausgegorenen Debatten über einen Abriss des Theaters zugunsten eines Kongresshauses, die ihn umtreiben. Bevor er also ein paar Highlights der kommenden Saison erwähnt, dankt René Munz allen, die sich für dieses Theater einsetzen, und erklärt: Wenn ihm die Diskussionen gar zu provinziell würden, dann kuriere er sein Stimmungstief jeweils mit eine Vorstellung seines eigenen Hauses.

Der Graf hat zu tun

«Donne, votate Almaviva – Progresso» steht derweil über seinem Kopf zu lesen: «Frauen, wählt Almaviva – Fortschritt». Darauf ein smarter Mann mit einer Frisur, die verdächtig dem Kamm eines Hahns gleicht.

Ja, dieser Almaviva. In der Heidelberger Inszenierung mutiert Mozarts Graf von 1780 zum Parteichef von 1960. Sein Schloss ist eine Parteizentrale, seine Bediensteten sind Sekretärinnen, der Chor tritt im Gewand seiner Fans auf. Immer wieder mal muss er dekorativ in Kameras winken, bevor er sich seinem Kerngeschäft widmen kann: Der Bediensteten Susanna nachstellen, ihre Heirat mit Figaro verhindern, diesen erotisch ziemlich anziehenden Cherubino aus dem Weg schaffen, der es in seinem schwärmerischen Liebeswahn auf die Gräfin selbst abgesehen hat – zu der Almavivas Liebe ein wenig erkaltet ist. Was ihn nicht daran hindert, mit brennender Eifersucht über sie zu wachen und notfalls mit der Bohrmaschine anzurücken, wenn er Cherubino in ihrem Schrank vermutet. Der aber ist rechtzeitig ins Blumenbeet gesprungen.

Munter, raffiniert, originell

So nehmen die Verwicklungen ihren Lauf, munter, raffiniert und originell in Szene gesetzt und mit einiger Situationskomik angereichert von der Regisseurin Nadja Loschky, vom Bühnenbildner Ulrich Leitner und von der Kostümbildnerin Violaine Thiel. Und getragen von Sängerinnen und Sängern, die nicht nur gut bei Stimme sind, sondern in ihrem jugendlichen Schwung beseelt von enormer Spielfreude. Ipca Ramanovics Almaviva, Irina Simmes' Gräfin, James Homanns Figaro, Rinnat Moriahs Susanna, Kangmin Justin Kims Cherubino und Carolyn Franks Marcellina sehen alle nicht aus, wie man sich das vorgestellt hat – und machen gerade deshalb diese Aufführung zum Erlebnis, auch wenn sie denn doch ein paar Längen hat.

Eine strahlende Gräfin

Ein Erlebnis sind die Stimmen, allen voran Irina Simmes' strahlender und Rinnat Moriahs warmer Sopran – und Kangmin Justin Kims Countertenor. Ein Erlebnis schliesslich ist das vom Heidelberger Generalmusikdirektor Elias Grandy geleitete Musikkollegium Winterthur, das Mozarts Musik in ihrem überwältigenden Reichtum zum Klingen bringt.

«Le Nozze di Figaro» wird am Theater Winterthur noch diesen Dienstag, Mittwoch und Freitag gespielt.