Alltagsszenarien mit Kurven ins Absurde

Noch zwei Gewinner

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Jens Nielsen Flusspferd im Frauenbad, Der gesunde Menschenversand 2016, edition spoken script, 191 S., Fr. 23.–

Seine Minutengeschichten, geschrieben fürs «Radio-Früh-Stück» auf SRF 2 Kultur, hat Jens Nielsen alle im Kopf, Wort für Wort. Denn der Zürcher Schauspieler und Autor mit Hang zum absurden Theater performt sie auf der Bühne. Sie lesen sich jedoch auch höchst vergnüglich still im Kämmerlein oder unterwegs – gesetzt den Fall, man lässt sich gern von einer Zeile auf die andere mit einem unfreiwillig eleganten Schwung aus den vertrauten Bahnen und Routinen schleudern. Nielsen spielt in «Flusspferd im Frauenbad» sprachlich virtuos mit dem an jeder Ecke lauernden Scheitern. Er setzt seiner skurrilen Phantasie keine Grenzen; so blüht sie unversehens im grau vertrauten Alltag und wächst dem sprechenden Ich der Texte ungerührt über den Kopf. Man lacht, fühlt sich ertappt in seinem Eifer, stets alles richtig zu machen – und fühlt sich gewappnet für sämtliche kleinen und grossen Katastrophen des Lebens und Lesens.

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Annette Hug Wilhelm Tell in Manila, Verlag Das Wunderhorn 2016, 192 S., Fr. 28.90

Wilhelm Tell als philippinischer Held

Es habe ihr grossen Spass gemacht, einen Roman über Wilhelm Tell zu schreiben, in dem kein einziger Schweizer vorkomme, sagte Annette Hug an den letztjährigen Solothurner Literaturtagen. Tatsächlich versteckt sich in ihrem verblüffenden Roman einige Ironie. Hug erzählt eine weltpolitisch aktuelle Frage: Was man bei einem bewaffneten Aufstand riskiert – eine Frage, die sich auch Friedrich Schiller gestellt hatte. Sie erzählt es anhand des philippinischen Nationalhelden José Rizal, der während seines Aufenthalts in Deutschland 1886 Schillers «Wilhelm Tell» in seine Landessprache übersetzt hat und im Theaterstück sehr vieles vorgefunden hat, was auf die Situation in seinem Land passte. Die Philippinen waren damals eine spanische Kolonie. Annette Hug folgt den Spuren José Rizals quer durch Deutschland und beobachtet ihn genau bei seiner Arbeit an der Übersetzung. Behutsam, dann immer drängender fliesst Schillers Dramaturgie in die Struktur ihres Romans ein. Eine doppelbödige Lektüre.

Bettina Kugler

Hansruedi Kugler

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