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Interview

«Rassismus erlebe ich praktisch täglich»

Alltagsrassismus ist dort stark, wo viele Privilegien zusammenkommen, sagt Mohamed Amjahid. Der junge deutsche Journalist mit marokkanischen Wurzeln hat darüber das Buch «Unter Weissen» geschrieben. Am Freitag liest er in St.Gallen.
Interview: Urs-Peter Zwingli
Schreibt gegen die Normalisierung des rechten Diskurses: Mohamed Amjahid. (Bild: Götz Schleser)

Schreibt gegen die Normalisierung des rechten Diskurses: Mohamed Amjahid. (Bild: Götz Schleser)

In Ihrem Buch «Unter Weissen» beschreiben Sie Rassismus, den Sie im Alltag erleben, und die Privilegien der Weissen. Was war Ihr Antrieb, darüber zu schreiben?

Mohamed Amjahid: Es sind die Situationen, die ich praktisch täglich im Alltag erlebe. Wenn ich in die U-Bahn steige, umklammert die Frau neben mir ihre Tasche fester. Von Polizisten werde ich regelmässig für Routinekontrollen angehalten. Als ich Student war, erklärt mir ein weisser Professor, «die Araber» könnten unter sich gar nicht friedlich leben. An der gleichen Universität äfften deutsche Studenten in einem Seminar den Akzent einer Austauschstudentin aus China nach.

Eine der Aussagen Ihres Buches ist, dass an privilegierten Orten – etwa einer Universität – besonders viel Rassismus herrscht. Wie das?

Grundsätzlich ist kein öffentlicher Raum vor Rassismus gefeit. Zudem sind Rassismus und Privilegien miteinander verwandt: Privilegierte Menschen profitieren von diskriminierenden Strukturen und haben darum kein Interesse daran, diese zu verändern. Mit meinem Buch will ich einen neuen Blick auf diese Machtstrukturen werfen. Die Wissensproduktion in europäischen Ländern ist weitgehend eurozentriert. Als ein in Deutschland geborener Marokkaner und damit Vertreter einer Minderheit kann ich eine Sichtweise von aussen einbringen.

Journalist aus dem Arbeitermilieu

Mohamed Amjahid wurde 1988 als Kind marokkanischer Gastarbeiter in Frankfurt am Main geboren. Im Alter von sieben Jahren zog er mit seinen Eltern nach Marokko. Mit 19 Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, um in Berlin Politikwissenschaft und Anthropologie zu studieren. Amjahid ist heute Redaktor im Po­litikressort der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit». Er berichtet vor allem aus französischsprachigen Ländern, aus Nahost und Nordafrika. Daneben ist er Teil der Satireshow «Hate Poetry», in welcher Journalistinnen und Journalisten auf der Bühne aus Leserpost voller Hass, Rassismus und Beleidigungen vorlesen. 2017 veröffentlichte Amjahid das Buch «Unter Weissen». Er lebt in Berlin. (upz)

Sie sind mit dem Satire­programm «Hate Poetry» durch die Schweiz getourt. Wie sehen Sie mit dem Blick von aussen das Land?

Die Schweiz ist ein Vorbild für viele Länder, es geht ihr wirtschaftlich sehr gut. Und die Organisation des öffentlichen Lebens verspricht über die direkte Demokratie viele Möglichkeiten der Partizipation. Doch in dieser Demokratie wird über die Rechte von Minderheiten wie Ausländern abgestimmt, ohne dass diese sich dazu äussern könnten. Die Machtstrukturen in der Schweiz sind ein Beispiel dafür, wie die Netzwerke von alten, weissen Männern funktionieren. Die Diskriminierung von Frauen, gegen die gerade landesweit protestiert wurde, ist nur ein Resultat davon.

Welche anderen Wege neben Protesten sehen Sie, um die Diskriminierung anzugehen?

Es geht darum, sich selber kritisch zu fragen: Welche Privilegien habe ich eigentlich? Ich fahre gerade U-Bahn in Berlin, danach steige ich die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Wie ein Gehbehinderter die Stadt erlebt, kann ich mir nicht vorstellen, wenn ich mein Blickfeld nicht öffne. Daneben sind Proteste aber zwingend, wenn eine gewisse Linie überschritten wird. In Deutschland etwa haben sich Politiker seit 2015 im Bundestag und in Landtagen wiederholt antisemitisch geäussert. Früher wäre das aufgrund der deutschen Geschichte undenkbar gewesen. Heute wird der rechte Diskurs schleichend normalisiert – auch in Ländern wie Ungarn mit Viktor Orbán und Frankreich mit Marine Le Pen. Oder in der Schweiz mit Roger Köppel.

Nicht nur als Buchautor, auch als Journalist der «Zeit» schreiben Sie über Rechtsextremismus, autoritäre Regimes und soziale Bewegungen. Hat Ihr eigener Lebenslauf als Kind von Gastarbeitern Sie dazu gebracht, sich auf diese Themen zu konzentrieren?

Natürlich hat mich meine Biografie politisiert und geprägt. So etwas wie Objektivität gibt es im Journalismus nicht, auch wenn das immer wieder gefordert wird. Zudem bin ich der Ansicht, dass die aktuelle politische Entwicklung in Europa, bei der weit rechts stehende Parteien auf dem Vormarsch sind, die Demokratie und das friedliche Zusammenleben gefährdet. Darum möchte ich diese Bewegungen im Blick behalten.

Mohamed Amjahid liest am 21.6., um 20 Uhr im ehemaligen Kino Rex (Kulturraum Exrex) St. Gallen

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