Alltag voller Fragen

In einer szenischen Collage kommt der Jugendtheaterclub «beat» dem Alltag und Leben Jugendlicher näher. Der unterhaltsame Theaterabend glänzt vor allem durch die Ungezwungenheit und Echtheit der jugendlichen Darsteller.

Dennis Egger
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Angespannte Stimmung: Eine Szene aus dem Alltag der jungen Theaterspieler des zwölfköpfigen Ensembles von «beat». (Bild: pd)

Angespannte Stimmung: Eine Szene aus dem Alltag der jungen Theaterspieler des zwölfköpfigen Ensembles von «beat». (Bild: pd)

Letzten Mittwoch hatte die neue Produktion «24/7 – sie nennen es Leben» des Jugendtheaterclubs «beat» im Studio des Theater St. Gallen Premiere. Und das Stück sprudelt nur so von Leben. In einer szenischen Collage präsentieren die Schauspieler zwischen 16 und 21 Jahren zwölf Perspektiven des jugendlichen Alltags. Einzeln oder in der Gruppe bespielen sie den gesamten Bühnenraum und beleuchten in kurzen Szenen ihre breite Gefühlswelt.

Sie ergründen das Schöne daran, suchen ihren Platz oder versuchen einen Ausweg aus dem Trott zu finden. Auf wunderbar ehrliche Weise erlaubt das Stück in die Gedanken- und Alltagswelt der heutigen Jugend einzutauchen.

Wandelbare Bühne

Dabei nutzt das Team unter der Regie von Mario Franchi (Dramaturgie: Heike Pelchen) die Ungebundenheit der Collage-Form optimal aus.

So verwandelt sich die Bühne (Peter Nolle) mal in einen satirischen Facebook-Chatroom, mal in die innere Phantasiewelt einer Hobbyfotografin, in ein Klassenzimmer oder in die einengende Einsamkeit des eigenen Zimmers. Die Szenen wechseln von energiegeladen und intensiv zu melancholisch emotional, von individuellen Einzelschilderungen zu Darstellungen des Gruppengefühls.

In diesem Stück hat alles Platz: Sehnsüchte, Ängste, Phantasie und Albernheiten – die Vielfalt des Alltags eben.

Echt und authentisch

Dass die Texte von den Jugendlichen selbst stammen, ist unschwer zu erkennen. Dieser Umstand jedoch verleiht dem Stück seine Echtheit. Beeindruckend ist aber nicht nur die Echtheit, sondern auch die Energie, Lockerheit und Spielfreude, mit welcher Nora Dähler, Sarah de Visser, Anna-Thea Jäger, Barbara Jud, Corina Keller, Sarah Lippuner, Sarah Pisani, Lena Vogel, Katja v.

Schulthess, Timo Posselt, Olivier Weber und Nicolas Wild ihren Stoff präsentieren. Sie schlüpfen in verschiedene Rollen, bedienen Licht und Technik, signalisieren mit einem Quietschgeräusch den Szenenwechsel und übernehmen die Rolle der Erzähler. Durch die authentische Erzählweise und aus dem Leben gegriffenen Szenen wird das Publikum nahe an die Jugendlichen herangeführt. Das wirkt glaubhaft. Einen Teil von sich selbst preiszugeben, fordert indes Mut vom jungen Ensemble.

Beinahe zu ungezwungen

Während die ehrlichen, einfachen Szenen ohne zu hohe Ansprüche die Höhepunkte der rund einstündigen Vorstellung bilden, wirken andere Szenen ein wenig gesucht, inszeniert und dadurch künstlich. Sie brechen dann mit der sonst so aufrichtigen Natürlichkeit des Stücks.

Dass die Szenenwechsel bisweilen hektisch und die Inszenierung teils chaotisch wirken, verzeiht man «beat» gerne. Ja, es macht sogar den Charme der Produktion aus – Jugendtheater darf das.

Manchmal hingegen verlieren sich die jungen Schauspieler in ihrer Lockerheit, in zu vielen «beabsichtigten Fehlern» und einer Intimität, die das Publikum beinahe ausschliesst. Das Stück droht an diesen Stellen aus dem Ruder zu laufen, der Spannungsbogen abzufallen. Dies vermögen die Jugendlichen mit ihrer Spritzigkeit jedoch wettzumachen.

Was fühlt die Jugend?

Nebst Humor, Leichtigkeit und grossem Unterhaltungswert besitzt die Produktion aber auch noch weitere Stärken. Die Gedankenfäden der Jugendlichen geben dem Publikum nicht zuletzt auch Denkanstösse. Von Spannungsfeldern wie Individuum und Gemeinschaft, virtuelle und reale Welt, Gefühl und Verstand bis zu Problemen wie Drogen oder Selbstfindung thematisiert das Theaterstück viele zentrale Aspekte der Jugend und lotet so aus, was es heisst, sich in die Erwachsenenwelt einzugliedern und sich in ihr zurechtzufinden.

Zusammenfassend kommt «24/7 – sie nennen es Leben» den Fragen, was es heisst, jugendlich zu sein, was Alltag für Jugendliche bedeutet und was sie beschäftigt, ein grosses Stück näher. Es ist ein gelungenes Stück Jugendtheater, voll Authentizität, Freude, Energie und Dynamik, in dem eine grosse Breite von Fragestellungen, Emotionen und Perspektiven das Lebensgefühl von Jugendlichen zu ergründen versucht.

Weitere Vorstellungen: Sa, 29.5.; Mo, 31.5., und Di, 1.6., Studio Theater St. Gallen, jeweils 20 Uhr.