Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Alltag im nächtlichen Taipeh

Die Kamera ist auf kleine Leute und banale Dinge gerichtet. Doch was der poetische Essay «Closing Time» erzählt, geht weit über die Bilder hinaus.
Regina Grüter
Chung-Shu Kuo beim Gemüseschneiden. (Bild: Xenix)

Chung-Shu Kuo beim Gemüseschneiden. (Bild: Xenix)

Wenn der Tag erwacht, lassen Chung-Shu Kuo und seine Frau Li-Jiao Lin den blauen Rollladen runter und gehen schlafen. Die ganze Nacht über haben sie Gäste bewirtet in ihrem kleinen Imbiss «Little Plates with Rice». Klein ist das Restaurant, klein sind die Schüsseln mit Reis, Fisch und Gemüse, klein im Sinne von einfach sind die Leute. Die Strassenbrücken davor bilden eine Betonskulptur. Der Ladenbesitzer von nebenan, der Tätowierer, das Paar mit den Spielautomaten, alle kommen sie zum Essen. Manchmal gibt’s einen kleinen Schwatz.

Nicole Vögele, geboren 1983 im solothurnischen Gretzenbach, hat die Nacht gewählt für ihre dokumentarische Beobachtung des Alltags in der taiwanesischen Metropole Taipeh. New York sei ein müder Haufen halbleerer Strassen im Vergleich zum dauervibrierenden Taipeh, sagt sie. Was macht die 24-Stunden-Gesellschaft mit uns?, fragt sie.

Für die Antwort nimmt sich «Closing Time» Zeit. Das Licht ist anders in der Nacht, die Stimmung gedämpft, alles scheint irgendwie bedächtiger abzulaufen. Chung-Shu Kuo rüstet und schneidet Gemüse, serviert Schalen mit Reis, fährt mit dem Roller zum Markt und beklagt sich halb im Scherz, halb im Ernst über zu hohe Preise und fehlende Produkte. Das ist weder langweilig noch experimentell, sondern sorgfältig. Vögele schaut sehr genau hin, lange und immer wieder. Dafür wurde sie in Locarno mit dem Spezialpreis der Jury in der Sektion «Cineasti del presente» ausgezeichnet.

Einfach mal wieder Karaoke singen

Die Bildkompositionen sind einfach schön. Der langsame Rhythmus und das Repetitive der Szenen versetzen den Betrachter in eine Art meditativen Zustand, und er beginnt, die Leute tatsächlich zu sehen. Entgeht dem Menschen etwas, wenn er nie seinen eigenen Schatten sieht? Verliert die Gesellschaft nicht etwas, wenn die Nacht zum Tag wird? Der Mensch muss essen, der Mensch muss schlafen, und er braucht Nahrung für die Seele. Und zuweilen muss er aus den gewohnten Strukturen ausbrechen, um das Leben zu spüren. Oder auch nur, um wieder einmal den eigenen Schatten zu sehen. Berge statt Betonskulpturen, das Rauschen des Meeres statt Regen, der auf den Asphalt niederprasselt. Und Karaoke singen.

Hinweis:
«Closing Time» ab 21.3. im Kino.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.