Alles wächst

Kunst Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger schaffen in Chur einen vergnüglichen «Nationalpark» mit echten und künstlichen Pflanzen und Tieren. Christina Genova

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Wuchernder Paradiesgarten auf Zeit: Gerda Steiner und Jörg Lenzlingers Installation «Nationalpark». (Bild: Ralph Feiner, Bündner Kunstmuseum)

Wuchernder Paradiesgarten auf Zeit: Gerda Steiner und Jörg Lenzlingers Installation «Nationalpark». (Bild: Ralph Feiner, Bündner Kunstmuseum)

Ein Bächlein schlängelt sich durchs Bündner Kunstmuseum. Gespiesen wird es vom Regenwasser, das über die Dachrinne ins Innere des Museums geleitet wird. Die beiden Karpfen, die dort einquartiert sind, sind leider nicht zu sehen. Sie haben sich in die dunkelsten Winkel des Gewässers zurückgezogen. Sie müssen sich wohl erst noch etwas akklimatisieren – die Ausstellung eröffnete erst am Samstag. Dafür durchpflügt ein himmelblauer Haifisch aus Plastik den Bach.

Bärenkostüme und High Heels

Im Sulserbau, einem Nebengebäude des Bündner Kunstmuseums, durften Gerda Steiner (*1967) und Jörg Lenzlinger (*1964) all das tun, was man in einem Museum sonst nicht tun darf. Ein Traumauftrag, massgeschneidert für das Künstlerpaar, das für seine raumgreifenden und ortsspezifischen Installationen bekannt ist und das seit 1997 zusammen lebt und arbeitet. Vielen Ostschweizerinnen und Ostschweizern sind die beiden noch von der Installation «Seelenwärmer» in Erinnerung, die man 2005 in der Stiftsbibliothek St. Gallen besichtigen konnte. International bekannt wurden Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger 2003 dank des hängenden Gartens, den sie in der Kirche San Staë anlässlich der Biennale von Venedig anbrachten.

Die einmalige Möglichkeit in Chur ergab sich, weil der Sulserbau nächstes Jahr abgerissen wird – er muss einem Erweiterungsbau weichen. Bis 1989 diente er als Naturhistorisches und Nationalparkmuseum, und bis vor kurzem beherbergte er Wechselausstellungen des Kunstmuseums. Das Künstlerpaar liess sich von der Geschichte des Gebäudes inspirieren und schuf einen einmaligen «Nationalpark» als vergängliche Installation. Sie ist sowohl eine Hommage an das Gebäude als auch ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an den Schweizerischen Nationalpark, der 2014 sein 100-Jahr-Jubiläum feiert. Weil seither erst 99 Jahre vergangen sind, muss jeder Besucher einen von 99 Gegenständen in die Ausstellung mitnehmen – darunter Bärenkostüme, Knochenketten, High Heels oder Staubwedel – und sich Gedanken zu seiner Rolle im Nationalpark machen.

Exkrementen-Vitrine

Im unteren Stockwerk des Gebäudes haben Gerda Steiner und Jürg Lenzlinger wie früher, als der Raum noch als Naturmuseum diente, Vitrinen aufgestellt. Darin präsentieren sie subversive Kollektionen aus ihrem umfangreichen Archiv. Das geht von der «Gaggel»-Sammlung mit echten und Scherzartikel-Exkrementen über eine «Schimmel-Vitrine», die vor sich hin modert, bis zu einer Käfersammlung, worin die Käfer von ihren Artgenossen aufgefressen werden.

Das obere Stockwerk des Sulserbaus hingegen präsentiert sich als wild wuchernder Paradiesgarten. Wie auf einem Wimmelbild gibt es dort derart viel zu entdecken, dass einem ob des ausgiebigen Schauens fast schwindlig wird. Für optisch Überreizte, die der Ruhe bedürfen, gibt es, wie es sich für einen Park gehört, mehrere lauschige Sitzgelegenheiten. Die ganze Installation ist begehbar. Doch wie im echten Nationalpark ist das Verlassen der Wege – die bei Steiner und Lenzlinger aus rotem Teppich bestehen – nicht gestattet.

Zwischen Natur und Kultur

Ob es künstliche oder echte Pflanzen sind, die da in alle Richtungen wachsen und wuchern, lässt sich häufig kaum unterscheiden. Das ist ganz im Sinne von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger. In ihrem Schaffen setzen sie sich intensiv mit den Beziehungen zwischen natürlich Gewachsenem und künstlich Erzeugtem auseinander. Nicht fehlen dürfen in einem Nationalpark die Tiere: Ein imposanter Wolf aus Plastik bewacht die beiden trächtigen Meerschweinchen, die bald Junge bekommen. Zahlreiche ihrer Artgenossen quieken vergnügt in ihrem grosszügigen Gehege – kein Wunder, denn sie dürfen das Modell des neuen Museumsgebäudes bewohnen. Man ist Auge in Auge mit Bergen von Plüschtieren, einem Rehkitz mit Perücke und Mobiltelefonen, denen Spinnenbeine gewachsen sind.

Vögel herzlich willkommen

Als Memento mori türmten Gerda Steiner und Jürg Lenzlinger einen imposanten Berg aus Geweihen und Tierschädeln auf. Denn ihr «Nationalpark» ist nicht nur ein harmlos-vergnüglicher Lustgarten. Die Installation wird sich im Verlauf der Monate wandeln. Pflanzen werden wachsen und eingehen, der Kristall aus Düngemittel, Salzlösung und Pigmenten, der über eine Öffnung im Boden oberes und unteres Stockwerk miteinander verbindet, wird an Umfang zulegen. Die Vergänglichkeit alles Irdischen und der Kreislauf des Lebens sichtbar zu machen, ist dem Künstlerpaar ein wichtiges Anliegen.

Um ihren einmaligen Nationalpark zu realisieren, entfernten Steiner und Lenzlinger Seitenwände, Verkleidungen und Teile des Oberlichts, rissen Löcher in den Boden und die Decke, so dass es tatsächlich ins Museum regnet. Der Bauschutt wurde von den Künstlern nicht etwa weggeworfen, sondern gleich in die Installation integriert: Aus dem abgelösten Boden wurde eine begehbare Berglandschaft; die Wandisolation aus Glaswolle wurde umfunktioniert zu einem Salatgärtchen, wo echtes und falsches Gemüse einträchtig nebeneinander wächst.

Zahlreiche Fenster stehen weit offen. Man hört den Strassenlärm, spürt den Wind und das Wetter, und die Bäume draussen vor dem Gebäude scheinen die Gewächse im Innern zu grüssen. Gefiederte Gäste sind herzlich willkommen – als Einladung hat Museumsdirektor Stephan Kunz Vogelfutter aufs Fensterbrett gestreut. Die Grenzen zwischen dem Innen und dem Aussen, zwischen Natur und Kultur verwischen.

Bündner Kunstmuseum Chur, bis 21.12.13. www.buendner-kunstmuseum.ch

99 Gegenstände zum Mitnehmen warten auf die Besucher. (Bild: Ralph Feiner, Bündner Kunstmuseum)

99 Gegenstände zum Mitnehmen warten auf die Besucher. (Bild: Ralph Feiner, Bündner Kunstmuseum)