Alles verkehrt: Dieser Künstler ist eine Zumutung für unsere Wahrnehmung

Hennric Jokeit ist Künstler und Hirnforscher. Mit seinen Fotografien zeigt er, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Das gibt Hoffnung. Noch bis zum zweiten Adventswochenende stellt er in Baden aus.

Raffael Schuppisser
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Sie sehen nicht, was Sie glauben zu sehen.

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Hennric Jokeit

Weiss wird zu Schwarz, und Schwarz zu Weiss. Der Künstler Hennric Jokeit verdreht die Welt und spielt mit den Konventionen des Sehens. Wer etwa eine seiner Fotografien der Klinik Burghölzli betrachtet, dem stechen die weissen Bäume ins Auge. Birken denkt man zuerst – doch so weiss bis in die letzten Verästelungen? Hinter den hellen Fenstern brennt wohl Licht, interpretiert man. Dabei ist es genau umgekehrt. Die dunklen Fenster sind erleuchtet.

Jokeits Fotografien sind eine Zumutung für unsere Wahrnehmung. Und sie zeigen, dass Sehen ein Vorgang von Auge und Hirn ist. Das passt, denn Jokeit ist nicht nur Künstler, sondern auch Hirnforscher. Er leitet das Institut für Neuropsychologische Diagnostik und Bildgebung an der Schweizerischen Epilepsie-Klinik in Zürich. Im Gespräch sagt er, «dass viele medizinische Bildgebungsverfahren mit der Negativtechnik schaffen, etwa die Röntgenbilder».

Hennric Jokeit, Gehirnforscher und Künstler.

Hennric Jokeit, Gehirnforscher und Künstler.

Paolo Dutto

Diese Methode nutzt er für seine Fotografien. Bilder von Landschaften, Architekturen und Innenräumen kehrt er im Nachhinein um, so dass der Schatten einer Mauer weiss leuchtet und der strahlend klare Himmel in Schwarz getaucht ist. Diese Umkehrung wendet Jokeit bei allen der 40 Bilder, die in der Galerie 94 in Baden ausgestellt sind, konsequent an. Es ist verblüffend, was dieser simple Effekt für eine Wirkung entfaltet.

Weiss leuchtende Schatten und Sonnenschein in Schwarz

Zuerst atmosphärisch: Das schwarze Lavabo wirkt gespenstisch, weisse Berge suggerieren sofort Schnee. Dabei ist alles anders.

Dann kommt man ins Grübeln: Wenn Schwarz Weiss ist und umgekehrt, dann bedeutet das doch, dass hier gar nicht Winter, sondern Sommer und da nicht Nacht sondern Tag ist. Man hält kurz inne beim Betrachten, und stellt sich vor seinem geistigen Auge das Original vor. Es ist ein Vorgang, der einem das Sehen selbst vergegenwärtigt und zeigt, dass die Welt auch ganz anders aussehen könnte. Oder – metaphysisch gesprochen und mit Kant gedacht – auf das Ding an sich haben wir keinen Zugriff, wir sehen es, je nach Einstellung, mal schwarz, mal weiss. Und so ist dann auch nicht ganz klar, ob die Frau, die man im ersten Augenblick für eine schöne Massai hält, in Wahrheit weiss ist.

Wie war das in der Mathematik? Minus mal minus gibt plus

Natürlich muss man diese Gedankenleistung der Umkehrung nicht unbedingt mitmachen. Man kann die Bilder einfach atmosphärisch geniessen. Und dann wirken Bilder aus dem Innern einer alten Villa aus dem Tessin wie Screenshots eines «Resident Evil»-Games. Oder, wie der Galerist Sascha Laue meint, wie von einem David Fincher Film nspiriert.

Doch was hat das mit dem Titel «Diagnosing Hope» zu tun? Nun, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein düsteres Bild in Wahrheit wohl eine schöne Schneelandschaft ist, dann zeigt sich, dass alles eine Frage der Betrachtung ist. Das weckt Hoffnung.

Übrigens, wer die Probe aufs Exemple machen will, kann ein Bild abfotografieren und es mit einer einfachen Foto-App in ein Negativ umkehren. Dann erstrahlt die Aufnahme einer düsteren Stadt bei hellem Sonnenschein. Es ist wie in der Mathematik zweimal negativ wird zu einem Positiv.

«Diagnosing Hope»: Galerie 94 in Baden, Do 18 – 20 Uhr; Fr und Sa 13 – 17 Uhr. Gespräch mit dem Künstler Hennric Jokeit und der Schriftstellerin Zora del Buono: So, 29. 11. ab 17:30 Uhr.