Alles für eine Diva

Durchzogenes Ende einer guten Saison: Mit «La straniera» bringt das Opernhaus Zürich ein Primadonnenvehikel auf die Bühne, zugeschnitten auf Edita Gruberova.

Tobias Gerosa
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Edita Gruberova als unbekannte Fremde in «La straniera». (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Edita Gruberova als unbekannte Fremde in «La straniera». (Bild: Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Für Edita Gruberova werden ganze Opernproduktionen auf die Beine gestellt. Nach zehn Jahren Abwesenheit kehrt die Belcanto-Primadonna auf die Bühne des Opernhauses zurück, nachdem sie wegen einem Zerwürfnis mit dem Intendanten hier nicht mehr singen wollte. Ohne sie gäbe es wenig Grund, Vincenzo Bellinis «La straniera» wieder auszugraben – mit ihr sehr wohl, ist die Meinung des Opernhauses und der Mehrheit des Premierenpublikums.

Dabei ist in Bellinis «La straniera» keine Perle vergessen gegangen. Das 1829 uraufgeführte Stück taugt höchstens als Primadonnenvehikel. Das liegt auch an der Geschichte: Der Tenor verliebt sich an seinem Hochzeitstag in die rätselhafte Fremde, die im Wald lebt. Sie weist ihn ab, er ersticht den vermeintlichen Nebenbuhler. Dieser überlebt die Pause trotz Degenstoss und Sturz in den See; es stellt sich heraus, dass die Fremde eine Königin im Time-out ist und für den Liebenden damit unerreichbar, er ersticht sich. Aus.

Keine szenische Rettung

Opern mit seltsamen Handlungen gibt es genug. Wenn sie bestehen können, dann wegen der Musik. In «La straniera» erweist sich der sizilianische Melancholiker Bellini «nur» als solider Handwerker – so sehr sich Dirigent Fabio Luisi (der in Zürich unterdessen, als wahrer Chefdirigent, die verunglückte «Don Giovanni»-Produktion rettet) auch ins Zeug und Feuer in die Partitur legt.

So brauchte diese Oper wenigstens eine szenische Rettung. Mit Christof Loy (dessen «Pique Dame» in St. Gallen zu sehen war) hat das Opernhaus den Regisseur verpflichtet, den sich Gruberova wünschte und der es schon geschafft hat, sie zu psychologischen Inszenierungen zu motivieren. Einen Grund, diese Oper zu spielen, liefert er allerdings nicht. Zwar schafft Anette Kurz' Bühnenbild eine spannende Unwirklichkeit, was darin passiert ist aber abgesehen von ein paar hübschen Vorausdeutungen und der Durchdringung der Hauptfigur Opernkonfektion. Die im Programm erklärten Ideen erschliessen sich kaum.

Die Intensität Gruberovas

Wahrscheinlich hat die Umbesetzung des Tenors relativ kurz vor der Premiere darauf einen Einfluss, sollte er der Geschichte doch als Identifikationsfigur dienen. Dario Schmunck (Arturo) schlägt sich vokal achtbar, darstellerisch kommt er kaum über Standardoperngesten hinaus. Ähnlich Franco Vassallo als vermeintlicher Nebenbuhler Valdeburgo und Veronica Simeoni als stehengelassene Braut.

Aber eigentlich geht es nur um sie: Edita Gruberova als die unbekannte Fremde, die sich als französische Königin herausstellt. 66 ist sie jetzt, diese Alaide ist nochmals ein Rollendébut und, was man hört, mittlerweile viel von der Tagesverfassung abhängig. Vielleicht auch die sehr scharfen Spitzentöne und die Intonationsprobleme (vor allem im ersten Akt) bei der Premiere. Doch die Gruberova vermag noch immer zu fesseln, singt Koloraturen wie niemand, setzt unerhörte Piani aus dem Nichts kommend und ins Nichts führend an. Immer mehr werden ihre Verzierungen auch von blossem Ornament zum sehr gezielten Ausdruck. So lohnt die Intensität von Gruberovas Schlussszene diesen insgesamt wenig zwingenden Opernabend.

Opernhaus Zürich, Vorstellungen bis 14. Juli und September/Oktober