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Sarah Connor: «Viele deutsche Songs sind mir zu belanglos»

Nach «Muttersprache» folgt nun Sarah Connors zweites Album auf Deutsch. Ein Gespräch über Liedtexte, die Mut machen sollen, über ihr Familienleben in einem «Dörfchen» und die Flucht auf den Handybildschirm.
Interview: Steffen Rüth
Zurück nach Baby- und Kreativpause: Sarah Connor. (Bild: Daniel Bockwoldt/DPA/Keystone (Hamburg, 18. Mai 2019))

Zurück nach Baby- und Kreativpause: Sarah Connor. (Bild: Daniel Bockwoldt/DPA/Keystone (Hamburg, 18. Mai 2019))

So ein Comeback, wie es Sarah Connor 2015 mit ihrem ersten deutschsprachigen Album gelungen ist, passiert nur selten. Eigentlich war die 38-jährige nach einigen goldenen Jahren mit englischem Hüpf-Pop ja durch, mehr Realityshow- als Popstar, doch dann verkaufte sich «Muttersprache» mehr als eine Million Mal. Nach Baby- und Kreativpause nun also «Herz Kraft Werke»: Wieder gibt es so ziemlich für ­jedes Gefühl und für jede Stimmung einen Song, gesanglich gibt sich Sarah Connor keine Blösse, doch die immer wieder eingestreuten politischen Anspielungen wirken an mancher Stelle etwas bemüht.

Die erste Zeile Ihrer Single «Vincent» lautet: «Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt.» Wie haben Ihre Kinder darauf reagiert?

Sarah Connor: Wir hören neue Songs meist im Auto, wenn ich sie von der Schule abhole. Zuerst hatten sie den Anfang verpasst, weil sie gequatscht haben. Ich habe dann vorsichtig nachgefragt, ob sie den Anfang auch mitbekommen hätten und ihn noch mal gespielt. Dann war natürlich erst mal Gekicher und auch ein wenig Empörung. Ich habe ihnen erklärt, dass der Song für einen Kumpel von ihnen ist, der sich wenige Tage zuvor vor seiner Mutter, einer Freundin von mir, geoutet hatte. Ich wollte einen Song machen, der ihm Mut macht und ihn bestärkt zu sich zu stehen. Das haben sie verstanden.

Auch Ihr 15-jähriger Sohn?

Er meinte einfach nur «Ach echt? Er ist schwul? Aha ... cool.» Das war’s. Thema beendet. Ich war beeindruckt, wie lässig er reagiert.

Musikalisch hat die Nummer ein bisschen was von Beyoncés «Crazy In Love».

Ich liebe Beyoncé. Auch sie ist eine Frau, die in ihren Texten kein Blatt vor den Mund nimmt und sehr privat aus ihrem Leben erzählt. Man kommt ihr durch ihre Lieder nah, und das fehlt mir in der deutschsprachigen Musik oft. Viele deutsche Songs sind mir zu belanglos, da geht es um nichts.

Mich macht Musik neugierig, wenn der Künstler ein Anliegen hat, wenn es um etwas Persönliches geht.

«Du bist mein Fels, mein Licht und mein Frieden» singen Sie in «Unendlich». Wen sprechen Sie da an?

Meine kleine Tochter Phini (7). Ich sass in meinem Büro am Laptop, als sie reinkam und sagte «Heute schreibst du einen deutschen Song für mich.» Alle anderen in der Familie hätten schliesslich schon einen. Also habe ich geschrieben, wie sie auf mich wirkt. Nämlich so, als wenn die Sonne aufgeht, sobald sie ins Zimmer kommt. Der Refrain fiel mir dann tatsächlich in der Kirche ein. Mit der Kirche habe ich nichts am Hut, aber zu Weihnachten gehen wir zum Krippenspiel, und da sprach der Pfarrer über das Licht, die Liebe und den Frieden – und ich hatte meine Zeile. (lacht)

Sie erzählen in Ihren Songs gerne von Ihrer Familie, oder?

Natürlich. Alles dreht sich um meine Kinder. Sie sind meine grösste Inspiration.

Bei vier Kindern passiert halt auch so viel.

Ich liege abends neben meinem Teenagersohn im Bett, sehe die Haare an seinen Beinen und denke «Der war doch gerade noch mein kleiner Junge». Am liebsten würde ich gerade die Zeit anhalten, weil es oft so wild und lustig und klar, manchmal auch anstrengend, ist. Aber auch, weil ich merke, dass der erste so langsam erwachsen wird.

Ihr Album «Muttersprache» war ein riesiger, auch überraschender Erfolg. Was wollen Sie jetzt mit «Herz Kraft Werke» erreichen?

Ich wollte vor allem richtig grosse Melodien machen, die haben mir im Rückblick bei «Muttersprache» ein bisschen gefehlt, weil ich mich erstmals mit Deutsch als Singsprache damit anfreunden musste, die richtigen Worte zu finden, als um meine Stimme und den Soul. Bei «Herz Kraft Werke» tobe ich mich stimmlich mehr aus, und in den Texten kommt man mir noch ein Stück näher. Ich habe dieses Mal noch öfter ganz allein gearbeitet.

Wie haben Sie den Triumph mit «Muttersprache» erlebt?

Irgendwie abgespalten von mir selbst. Ich sitze hier in meinem «Dörfchen» etwas ausserhalb von Berlin, habe kein Spotify und versuche zwischen zwei Alben so unberühmt wie möglich zu sein. Nur, wenn ich auf die Bühne gehe, und da unten stehen 15000 Leute und singen meine Lieder mit, merke ich

«Wow, krass, diese Platte hat echt viele Leute berührt».

Besonders glücklich hat mich der Erfolg gemacht, weil das meine eigenen Texte sind und offenbar eine Menge Menschen eine Beziehung zu meinen Geschichten, meinen Ängsten, Sorgen, Freuden und Fragen, aufbauen können.

Auch auf «Herz Kraft Werke» sparen Sie die Realität nicht aus. Sie fragen: «Was hat uns so ruiniert» und fordern mehr Liebe. Reicht das?

Die Antwort «Liebe» mag naiv sein, aber nicht weniger richtig. «Ruiniert» ist ein Appell, uns wieder aufeinander einzulassen. Und nicht immer nur auf den Handybildschirm zu flüchten.

Ich nehme mich da nicht aus, ich gucke selbst zu viel auf mein Handy, es ist der Parasit unserer Zeit.

Durch die Flut an Informationen, die vor allem online ungefiltert auf uns einprasseln, hinterfragen wir vieles nicht mehr, stumpfen ab, und lassen zu, dass unsere Sprache verroht, weil wir müde sind, ständig zu allem eine Haltung zu haben. Wir lassen uns von Stimmungen treiben. Auch das führt dazu, dass Leute wie Trump oder Parteien wie die AfD so stark werden. Es macht mich wütend, wenn ich diese AfD-Politiker mit ihren hohlen Parolen sprechen höre, wie sie rechtes Gedankengut verbreiten, als wäre es völlig in Ordnung. Ich kann nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die frustriert und unzufrieden sind mit der Politik in unserem Land. Aber ich bin fassungslos, wie leichtfertig Leute auf die Strasse gehen und sich entweder aktiv beteiligen oder zumindest tolerieren, dass als Stilmittel sogar NS-Verherrlichungen benutzt werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Passen Sie auf, dass Ihre Kinder nicht im Internet versacken?

Ich habe den Kindern verboten, sich selbst im Netz darzustellen oder zu zeigen, bis sie 16 sind. Dann können sie selbst entscheiden. Ich habe dafür gekämpft, dass sie eine Privatsphäre haben und normal aufwachsen und ein Gefühl für andere Menschen bekommen ohne dieses «Sohn oder Tochter von»-Ding. Und abgesehen von meinen eigenen Kindern glaube ich, dass vor allem Mädchen zu früh anfangen, sich über Äusserlichkeiten zu profilieren.

Die Verunsicherung in der Pubertät ist gross genug, da braucht niemand auch noch hässliche Kommentare von Menschen, die man gar nicht kennt. Ich weiss, wovon ich rede.

In «Keiner pisst in mein Revier» sagen Sie über Ihren Lebensgefährten: «Er ist der, bei dem ich bleibe.» Ist das so?

Wer weiss schon, was in 20 Jahren ist, ich glaube nicht an dieses «für immer», aber ich glaube an uns. Er ist jetzt meine Liebe, die hält, seit zehn Jahren schon entscheide ich mich immer wieder für diese Beziehung. Ich denke jeden Morgen, wenn wir uns zum Abschied küssen, was für ein Glück ich habe mit diesem wohlwollenden und liebevollen Mann.

Sie warnen im Songtext die anderen Frauen, Ihren Mann anzumachen. Sind Sie schnell eifersüchtig?

Nein, dazu hat er mir noch nie ­einen Grund gegeben. Aber er ist ein schöner und interessanter Mann, und ich bin mir bewusst, dass er auch auf andere Frauen anziehend wirkt.

Der Song ist eine Ansage an die Frauen, die meinen, sie könnten mit ihrem Hintern in seine Richtung wackeln.

Werden Sie selbst denn oft angeflirtet?

Mittlerweile wieder mehr als früher. Ich weiss nicht, vielleicht bin ich schon in der «Mit der fang ich sowieso nichts an»-Kategorie. Ich bin ein sehr offener und kommunikativer Typ. Ich bin ein typischer Zwilling, flirte gerne, aber ich bin nicht erreichbar und komme niemandem zu nah. Ich habe nur eine grosse Klappe.

Album «Herz Kraft Werke» ab 31.5.
Live 6. November 2019, Hallenstadion Zürich.

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