Alles andere als Spiessbürger

Im Rahmen von «Suisse Diagonales Jazz» stellt der Tenorsaxofonist Simon Spiess die zweite CD seines Trios vor. «After All» stellt unter Beweis, dass sich die drei blind verstehen – und auch nach längerer Pause harmonieren.

Tom Gsteiger
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Harmonierendes Trio: Simon Spiess, Marco Nenniger, Daniel Mudrack. (Bild: pd)

Harmonierendes Trio: Simon Spiess, Marco Nenniger, Daniel Mudrack. (Bild: pd)

Die CD fängt mit einem über einminütigen Solo des Tenorsaxofonisten an: Wir bekommen einen ungemein warmen, luftigen Sound mit viel Bodenhaftung zu hören – aus kurzen melodischen Wendungen, Atemgeräuschen und kratzigen Mehrklängen wird eine melancholische Stimmung aufgebaut, die einen immer mehr gefangen nimmt. Keine Frage: Mit Simon Spiess ist hierzulande eine weitere starke, charismatische Saxofonstimme am Heranreifen.

Ohren …

Spiess' Reifungsprozess begann in der Teenager-Phase. Sein erster Mentor war der Saxofonist Roland Philipp, bei dem er nicht nur Unterricht nahm: «Ich war oft bei ihm zu Hause und habe mit ihm Platten gehört.» Obwohl Philipp in der Praxis mit den Clients extrem funky loslegte, öffnete er Spiess die Ohren auch für ganz andere musikalische Welten – so machte er ihn etwa mit dem auf verschlungenen Pfaden wandelnden «Tristano-Zögling» Warne Marsh vertraut.

… und Türen geöffnet

Vor der Begegnung mit Philipp hatte Spiess ziemlich unmotiviert auf dem Saxofon herumgequengelt – danach ging es nicht lange, bis er selbst in einer Funk-Band spielte und ihm klar wurde, dass die Musik sein Ding ist. Aber nicht der Funk, sondern der Jazz: «In meinem Umfeld hörte niemand solche Musik, aber mir gefiel das Suchende, das Forschende im Jazz – da gingen plötzlich ganz neue Türen auf. Coltrane ist für mich nach wie vor das Grösste – von ihm höre ich mir jeden Tag etwas an.»

Viel Vertrauen

Spiess studierte in Basel bei Domenic Landolf («ein Riesenvorbild»); bei Ausflügen nach New York suchte er Mark Turner, Seamus Blake, Chris Cheek, Donny McCaslin und Greg Tardy für Privatunterricht auf (wahrlich keine schlechte Auswahl!). Spiess gibt sich nicht schnell mit sich selbst zufrieden. «Ich will technisch noch viel besser werden», sagt er. Doch das Wichtigste ist für ihn der Sound: «Das ist das erste, was die Zuhörer erreicht. Ich bin immer noch am Mundstücke und Plättli ausprobieren.»

Einen Förderpreis des Kantons Solothurn nutzte Spiess, um sich während eines halben Jahres in Berlin niederzulassen – ein ziemlich melancholisches Stück auf der neuen CD «After All» (Meta Music) heisst denn nun auch «An der Spree».

Eingespielt hat Spiess diese CD mit Marco Nenniger (Bass) und Daniel Mudrack (Schlagzeug), mit denen er seit fünf Jahren ein Trio bildet, das die Jazztradition auf spannende und schlüssige Weise mit zeitgenössischen Grooves und Sounds koppelt. An Nenniger schätzt Spiess nicht zuletzt dessen Intuition und Spontaneität – und zu Mudrack, der die CD aufgenommen und gemischt hat, sagt er: «Er ist stark am Producing interessiert, er hat viele Ideen für neue Klänge und Strukturen.»

Vor den Aufnahmen für ihren Zweitling haben die drei Musiker länger als ein halbes Jahr nicht mehr zusammengespielt. «Trotzdem spielten wir uns nur einen halben Tag ein – und dann ging's los mit den Studio-Sessions. Wir passen zusammen und können uns gegenseitig total vertrauen», erklärt Spiess.

Morgen Sa, Splügeneck, 22 Uhr