Allein mit von der Heide

Chansonnier Michael von der Heide verabreicht in der Kellerbühne mit viel Swing und Elektropop ein Antidepressivum gegen die Krise. Nur ein Thema lässt der Entertainer in seinem Programm «Lido» aussen vor.

Roger Berhalter
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«Ich setz mich gleich auf euren Schoss»: Michael von der Heide singt mit Körpereinsatz. (Bild: Michel Canonica)

«Ich setz mich gleich auf euren Schoss»: Michael von der Heide singt mit Körpereinsatz. (Bild: Michel Canonica)

Wie der mit den Damen schäkert, wie der mit den Frauen flirtet! Michael von der Heide braucht nur von seiner neuen Haushaltshilfe – einer tollen Dampfmaschine – zu erzählen, und die mehrheitlich weiblichen Herzen im Publikum gehören ihm. «Ein kleines Grüppchen haben wir heute hier versammelt», sagt der Sänger mit Blick in die nicht ganz volle Kellerbühne und schickt neckisch hinterher: «Aber ein schönes Grüppchen.» Und weiter: «Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich Euch zu mir nach Hause eingeladen.» Einen kurzen Moment lang glaubt man es ihm sogar. Obwohl er natürlich längst Profi ist und keine Hauskonzerte mehr gibt. Aber eines kann dieser Mann, so wie alle grossen Entertainer: jeder und jedem im Saal das Gefühl geben, als sei man mit ihm, dem Künstler, allein.

Im Revuetheater in Paris

Von der Heide startet steil an diesem Mittwochabend. Schon beim zweiten Song klatschen alle im Takt, schon vor dem dritten fällt der Frack, der Sänger öffnet einen weiteren Hemdknopf und flirtet ein weiteres Mal mit der ersten Reihe: «Ich setz mich gleich auf Euren Schoss.» Etwas frivol darf es schon sein an diesem Abend, schliesslich hat der Chansonsänger sein aktuelles Programm «Lido» nach einem Revuetheater in Paris benannt. Passend dazu singt der 40-Jährige mit Hildegard Knef «Ich zieh mich an und langsam aus», er entblättert sich aber nicht weiter und beschränkt die Akrobatik auf ein paar Pirouetten und Dehnübungen. Die Show ist eine Mischung aus Variété und Livekonzert.

Stampfend und tanzbar

Zusammen mit seinen drei Mitmusikern singt und tänzelt sich Von der Heide durch ein zweistündiges Programm. Neben einigen alten Hits wie «Jeudi amour» gibt er vor allem Songs seines aktuellen, achten Albums «Lido» zum Besten. Darauf singt von der Heide wieder ausschliesslich französisch und macht seinem Ruf alle Ehre, einer der wenigen Deutschschweizer Künstler zu sein, die den Röstigraben überwinden konnten. «Lido» ist als Antidepressivum für die Krise gedacht. «Entspann dich», singt Michael von der Heide, «auch wenn die Welt gerade nicht weiterkommt.» «Lido» ist auch sein bisher elektropopigstes und tanzbarstes Album, was sich in der Kellerbühne unter anderem in der stampfenden elektronischen Bassdrum äussert. Darüber legen Martin Buess an der Gitarre, Emmi Lichtenhahn am Bass und Tino Horat an den Keyboards einen kompakt gewobenen Klangteppich: ein bisschen Blues, ein bisschen Disco, viel Swing, viel Chanson, viel Pop. Der Chansonnier wandert bewusst auf dem Grat zwischen Kunst und Kitsch, kippt manchmal ins allzu Süsse, nur um gleich darauf mit einer ironischen Hymne auf den Vorort («Oerlikon») zu brillieren.

Dabei weiss man nie so recht, wie ernst es dieser Unterhalter meint. Manche seiner Texte sind durchaus bissig, die Darbietung bleibt aber zahm. «Wir wollen nicht politisieren an so einem schönen Unterhaltungsabend», sagt von der Heide, federt über die Bühne und triumphiert am Ende jedes Songs wie ein Torero. «J'ai perdu ma jeunesse»? Nein, seine Jugend hat der 40-Jährige noch längst nicht verloren.

Das «Rössli» in Amden

Auch zwischen den Songs weiss von der Heide zu unterhalten. Er rezitiert Basler Schnitzelbänke, verbrüdert sich mit dem britischen Busenwunder Samantha Fox, erinnert sich ans «Rössli» in seinem Heimatdorf Amden und an alte Poesiealben, erzählt von seinem ersten Ausflug ans Meer und erwähnt immer wieder begeistert die neue Dampfmaschine. Irgendwann nimmt er auch die gefiederten Fächer, die lange im Hintergrund warten mussten, zur Hand und übernimmt damit den Part, den eigentlich Tänzerinnen spielen sollten: «Das habe ich mir glamouröser vorgestellt.»

Nur eines lässt von der Heide aussen vor: das für ihn leidige Thema Eurovision Song Contest. Auch auf den zugehörigen Song «Il pleut de l'or» verzichtet der Entertainer. Aber keine Frage: Hätte damals, 2010 in Oslo, das Kellerbühnen-Publikum wählen dürfen, Michael von der Heide hätte den Contest glänzend gewonnen.

Weitere Vorstellungen: heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne, 20 Uhr