Allein im Labyrinth

Wortwitz Nach zwei CDs mit der Band veröffentlicht Manuel Stahlberger sein Soloprogramm «Innerorts». Er schwitzt in der Sauna – und reist zum George Clooney der Provinz. David Gadze

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Manuel Stahlberger mit seinem Soloprogramm 'Innerorts' in der Kellerbühne. (Bild: HANSPETER SCHIESS SCHIESSFOTOGRA)

Manuel Stahlberger mit seinem Soloprogramm 'Innerorts' in der Kellerbühne. (Bild: HANSPETER SCHIESS SCHIESSFOTOGRA)

Manuel Stahlberger kauert in einer Kartonschachtel. Das Bild auf dem Cover passt perfekt zu seiner ersten Soloplatte «Innerorts». Denn darauf zieht er sich in die kleinen Räume zurück. Der St. Galler steuert gezielt durch den Neumarkt, stimmt ein Loblied auf die «Begegnigszone» an, sinniert im kühlen «Wartzimmer» über die Hitze draussen und schwitzt am Ende in der Sauna, peinlich berührt von den Gesprächen und nicht wissend, wo den Blick ablegen.

Reise zu den Helden im kleinen

Dazwischen führt die Reise zum «George Clooney vo Altstätte» und von Eggersriet nach Wien und von da nach Grub. Stahlberger taucht ein in die gesellschaftlichen Mikrokosmen mit all ihren karikierten Protagonisten, den Helden im kleinen, den gescheiterten Welteroberern, den Königen der Biederkeit.

«Innerorts» ist eine Momentaufnahme. Eine Platte, deren Gestalt sich erst durch die Liveauftritte mit dem gleichnamigen Programm herausgebildet hat. Halbfertige Songs hätten sich auf der Bühne entwickelt, aus Textpassagen seien komplett neue Geschichten entstanden, sagt Stahlberger. Während die Musik grösstenteils heruntergebrochen, minimalistisch daherkommt, macht Manuel Stahlberger in den Texten das Fenster noch weiter auf als auf den Band-Platten. Er schaut noch genauer hin, beschreibt noch präziser, wählt die Pointen exakter. «Es ist meine Liedermacher-Platte», sagt er im Gespräch.

Allein mit den eigenen Ideen

Es sei nicht immer einfach gewesen, sich ganz allein im Labyrinth aus musikalischen Ideen zurechtzufinden. Diese hat er geschickt gebündelt und zu Songs geformt, bis aus dem Labyrinth ein mit blühendem Wortschatz ausgeschmückter kleiner Musikpark entstanden ist. Mal untermalt Stahlberger die Stücke mit Gitarre, mal mit Drumcomputer und Synthesizer. Er spannt den Bogen von Pop bis New Wave. So sind Stücke wie «Neumarkt», in dem er um die Regale schleicht, um dann im Bleicheli oder am Bahnhof den Bus zu erwischen, oder «Wartzimmer» entstanden.

Mit Texten Bilder malen

Doch wie unterscheidet sich die Arbeit am Solowerk von derjenigen mit der Band? «Wenn ich allein spiele, male ich mit Texten ein Bild aus. In der Band hingegen skizziere ich bloss die Umrisse. Ausgemalt wird es von der Musik», sagt Stahlberger. Die Herangehensweise an den Text sei aber meist dieselbe: «Am Anfang ist immer ein Bild oder ein Reim. Manche entwickeln ein Eigenleben, andere kombiniere ich untereinander, um zu sehen, ob aus einer Unlogik heraus etwas Interessantes passiert.» Geschichten, die er schon so oder ähnlich erzählt habe, lasse er liegen. «Ich will meinem Blick auf die Welt eine neue Facette abgewinnen», sagt er.

Der Text müsse aber auch stabil genug sein, damit er auf der Bühne hinter ihn zurücktreten könne. «Ich bin kein sehr körperbetonter Entertainer. Die Geschichte soll im Mittelpunkt stehen.» Musik und Text müssten sich ergänzen. Manche Texte würden mit der Band super funktionieren, allein könne er sie musikalisch jedoch nicht greifen. «Manchmal finde ich die Musik dazu einfach nicht.» So trägt er manche Texte ohne Musik vor, etwa jenen von «Umgschuelti Pfärrer», der nur für die Platte vertont worden ist. Wichtig sei ihm, in einer alltäglichen Sprache zu singen. «Ich will nicht einem Reim zuliebe ungenau sein. Manchmal führt ein Reimzwang zu Seitenwegen. Daraus ergibt sich oft etwas, das ich nicht geplant habe.»

Zur reduzierten Musik passen auch die Videos, die Manuel Stahlberger in bester Do-it-yourself-Manier gemacht hat. So jener zu «Mir schaded de Wirtschaft», wo er zu einem mechanischen Beat ausgelassen tanzt, «obwohl ich eigentlich eher gehemmt bin», wie er sagt. Oder zu «Neumarkt», wo er zwischen Kartonschachteln und Büromaterial mäandert. Zwei weitere Clips sollen in den nächsten Wochen folgen. Aber ob Manuel Stahlberger nun tanzt, sich kauernd in eine Kartonschachtel zwängt oder zwischen Regalen steht – er verbiegt sich nie.

Manuel Stahlberger: Innerorts (Irascible). Ab morgen im Handel. Morgen startet Stahlbergers Solotour in Bern. Ab dem 8.9. tritt er in vielen Ostschweizer Orten auf. Alle Konzertdaten unter www.manuelstahlberger.ch

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