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Alle sind sie übergeschnappt

Er ist die Überraschung unter den Nominierten für den Schweizer Buchpreis: Christoph Höhtker und sein cooler, roher Stadtroman «Alles sehen».
Hansruedi Kugler
Christoph Höhtker: Alles sehen, Ventil 2016, 320 S., Fr. 27.90

Christoph Höhtker: Alles sehen, Ventil 2016, 320 S., Fr. 27.90

In diesem Roman könnte man alles autobiographisch lesen: Christoph Höhtker, Jahrgang 1967, stammt aus dem norddeutschen Bielefeld, hat Soziologie studiert, arbeitete als Werbetexter und Taxifahrer, schreibt Romane und wohnt seit einigen Jahren in Genf – weshalb er überhaupt für den Schweizer Buchpreis in Frage kommt.

Eine verschrobene Hommage

Der Mann hat einiges erlebt. In seinem zweiten Roman «Alles sehen» verteilt Höhtker seine Biographie gleich auf ein halbes Dutzend ziemlich schräger Vögel: Da ist der arbeitslose, abgebrühte Marketingmann in Genf, der marxistische, zynische Taxiunternehmer, der gescheiterte Jungschriftsteller, die eifrig erotisierte Soziologiestudentin, nicht zuletzt der Soziologieprofessor namens Höhtker (!) – der sich allerdings gerade im Irrenhaus-Sanatorium in Zürich von seiner Beschreibungssucht erholt. Dann kommt noch ein heillos zerstrittenes schwules Restaurantbesitzerpaar hinzu und ein zum Islam konvertierter Dummkopf, der einen Brandanschlag ausführen soll.

Wenn man das Personal so summarisch aufzählt, folgt man durchaus Christoph Höhtkers Methode: Denn der Autor präsentiert uns nichts weniger als eine Stadt – B. heisst sie im Buch. Alles aber deutet auf Bielefeld – eine mittelgrosse Stadt, die im Sterben liegt. Also alles vorhanden für einen saftigen Stadtroman. Denn Höhtker schreibt auch noch smart und unglaublich rotzig und clever aus verschiedenen Erzählperspektiven: Seine Montagetechnik kann man getrost als coole Hommage an Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» verstehen, der dieses Genre etabliert hat.

Da gibt es neben den witzig-derben Dialogen und der cleveren Rahmenhandlung auch Klimaangaben, soziodemographische Zusammenfassungen, pseudowissenschaftliche Passagen, Fussnoten, Anmerkungen – und nicht zuletzt selbstbezügliche Verweise auf soziologische Bücher und von Romanfiguren selbst geschriebene Romane. Das alles ist eine herrliche, allerdings recht verschrobene Hommage an Niklas Luhmann, der Soziologengott der Systemtheorie, der 1968 erster Professor an der Universität Bielefeld wurde, die Soziologie als Fach in Deutschland aufgebaut und über Generationen geprägt hat.

Betont cool, betont derb – und nie langweilig

Die in Höhtkers Roman betriebene, erotisierende «Totale Soziologie» ist eine liebevolle, deftige Parodie auf Luhmanns Systemtheorie und dessen Zettelkasten mit unzähligen Notizen, Ideen und Beobachtungen, die als Ausgangsmaterial für seine Beschreibung des Gesamtsystems der Gesellschaft diente. Aber keine Angst: Trocken ist der Roman auf keiner Seite, die Figuren sind in ihrer Verschrobenheit quicklebendig, der Plot zerfasert zwar zu Beginn in zu viele Stränge, kommt aber gegen Mitte des Buches als Roadmovie rasant in Fahrt.

Womit wir denn bei der Handlung wären. Es beginnt mit einer charmant-frechen Verkuppelei. Der rund 40jährige Versager und Möchtegern-Schriftsteller Michael Brandt bekommt auf dem Parkplatz eines Supermarkts das Date seines Lebens. Und zwar mit der Sexbombe Ania, die viel zu schön ist für dieses heruntergekommene B. Das Date hat Brandt seinem alten Kumpel, dem coolen Misanthropen Frank Stremmer zu verdanken, der das abendliche Essen à deux im Luxusrestaurant per Handy und über seine Exfreundin Marion arrangiert und finanziert – von Genf aus.

Tönt reichlich übergeschnappt bis kitschig? Ja, aber Christoph Höhtker wirft uns in eine atemlose Parodie: Betont cool, betont derb. Der Verdacht, Anja könnte eine Hure sein, verflüchtigt sich bald. Sie ist eine sexualisierte Soziologin. Alles ist für sie Studienobjekt, egal ob Stromverteilerkästen, Bioladendichte oder Romane.

Christoph Höhtker lässt nun sein ganzes Personal an einem einzigen Tag in ebendieses Luxusrestaurant in B. strömen, rasen, fahren, spazieren. Das lässt dem Autor genügend Zeit, um die Psychopathen, Romantiker, Zyniker und Erotomanen vorzustellen. Was sich dank den gelegentlich holzschnittartig gezeichneten, aber milieuspezifisch gelungenen Figuren flott liest. Zudem: Die Dialoge sind in ihrer respektlosen Direktheit äusserst unterhaltsam. Dass die Figuren allesamt übergeschnappt sind oder von allerlei Drogen zugedröhnt, ist bald klar – aber ihr achselzuckendes Versagertum macht sie uns ungeheuer liebenswert.

Und am Ende landet der Roman dann doch wieder in der Schweiz – im Sanatorium am Zürichsee – und vielleicht ja demnächst in Basel, bei der Bekanntgabe des Schweizer Buchpreises.

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