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Alice ist nicht im Wunderland

Der Romanshorner Pascal Beer hat erneut einen beeindruckenden Erstling verlegt. «Kinderspiele» erzählt von einer jungen Frau, die sich sucht und dabei fast verliert.
Dieter Langhart
Katrin Andrist: Kinderspiele. Roman. Muskat Media 2016, 243 S., Fr. 29.50

Katrin Andrist: Kinderspiele. Roman. Muskat Media 2016, 243 S., Fr. 29.50

Wenn Alice und Michael diesen ekligen Zaubertrank trinken, werden sie zu Superman und können die Welt retten. Alice ist zwölf, Michael wohnt einen Stock tiefer. Er nimmt sie auch mit zu einer Expedition an den Südpol, bis zum vereisten Fluss, auf dem sie einbrechen. Spiele einer unbeschwerten Kindheit, Kinderspiele eben.

Doch dann zieht Alice mit ihrer Mutter weg in die Stadt, vorüber sind die kinderleichten Spiele. Und dann geht dieser Tick weiter: «Neben den Fugen zwischen den Bodenplatten durfte sie neu auch auf keinen Fall auf die geraden Treppenstufen auftreten, sonst würde etwas Furchtbares passieren. Hielt man sich nicht an die Regeln, wurde man bestraft.» Alice will, muss sich an Regeln halten, denn sie geben ihr Halt im Alltag. Doch eigentlich sind es die Erwachsenen, die sich nicht an jene Regeln halten, die Alice gut täten.

«Kinderspiele» ist das dritte Buch im Romanshorner Kleinverlag Muskat Media und der erste Roman Katrin Andrists aus Buchs AG. Und beileibe kein Kinderbuch, auch wenn es Leben und Leiden eines Mädchens zwischen Kindheit und Erwachsenwerden erzählt.

Wie mit der Handkamera gefilmte Szenen

Eindringlich und nachvollziehbar ist das Buch, da die Autorin (Jahrgang 1975) mit ihrer Sympathie sehr nahe an der Figur bleibt, als begleite sie sie mit einer Handkamera auf ihrem Weg. Die kurzen, mit je einem Stichwort überschriebenen Episoden sind wie Szenen, wie Blitzlichter auf Alice: Treibgut, Blut, Fallhöhe, Bildstörung. Und wie wacklig dieses Leben ist, wird Kapitel für Kapitel immer deutlicher. Mehr und mehr Regeln setzt sich Alice, sie geben ihr Halt und sind zugleich wie ein Korsett. Dann bekommt sie die Regel. Mutter sagt: «Das ist ja toll! Jetzt bist du kein Kind mehr.» Wenn Alice sich mit ihr gestritten hat, verkriecht sie sich in den Estrich oder auf die alte Eisenbahnbrücke.

Doch das Eis wird brüchiger für Alice. Sie träumt, und diese Träume lassen sie nicht los, auch die Herbstferien bei Michael, dem Vertrauten der Kindheit, und bei ihrer Tante helfen kaum. Schritte, Schatten, Stimmen suchen Alice heim, Nacht für Nacht. «Die Nacht frisst den Tag auf.» Angst schleicht sich ein. Eine Familie ist das nicht.

Alice glaubt, sie werde verrückt. Alice klaut Mutters Zigaretten und Wein aus der Küche. Alice spielt ein letztes Mal Harem mit ihrer Schulfreundin Alessja. Alice kotzt ihr Tiramisù heraus an der vorverlegten Weihnachtsfeier mit Tante Alice und Onkel Jörg. Alice erscheint ihr Grossvater im Traum: nackt, mit erigiertem Glied. Dann die «Bildstörung» mit Psychiaterin und Medikamenten und Schuldispens. Und sie erzählt «von der Angst, die jeden Abend aus den Mauerritzen kroch, sie umklammerte, umarmte und ihr die Luft nahm».

Das Tier in der Zimmerecke scharrt wieder

Doch dann will Alice zurück in die Schule. «Mathe war toll. Alice mochte die klaren Regeln, die Lösung.» Bald sind wieder Ferien. Ihre Mutter lädt sie zu einem gemeinsamen Spaziergang durch den Weihnachtsmarkt ein. Das erste richtige Gespräch zwischen Mutter und Tochter, so scheint es, doch es will nicht in Gang kommen. Und das Tier in der nächtlichen Zimmerecke scharrt wieder, «die Nacht frisst den Tag auf». Tagsüber ist Alice sicher.

Katrin Andrist erzählt die Geschichte sorgsam beschreibend. Überzeugend ist sie bei den Bildern, den konkreten Schilderungen; ungschärfer wird sie, wenn sie in die Introspektion rutscht. Und stark ist der Schluss, schenkt Alice einen Beginn: «Sie musste sammeln, Beweise sammeln, Erinnerungen sammeln.»

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