Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Ganz allein im Theater: albtraumhaft schöne Premiere

Näher hat man Schauspiel noch nicht erlebt: Das Landestheater Bregenz schickt in «Diorama Bregenz :: Der letzte Mensch» die Zuschauer einzeln auf einen Theaterparcours – albtraumhaft schön. Wer sich darauf einlässt, kommt den Schauspielern unglaublich nahe.
Julia Nehmiz
Ein Urmensch (Daniel Blum) kämpft gegen die Einsamkeit. (Bild: Heinz Holzmann)

Ein Urmensch (Daniel Blum) kämpft gegen die Einsamkeit. (Bild: Heinz Holzmann)

Näher, unmittelbarer, direkter geht nicht. Was Regisseur Bernhard Mikeska und seine Crew in Bregenz zeigen, geht einem nahe. Zu nahe manchmal. Theater, das ist sonst, wo man im Dunkeln gemütlich in seinem Sessel sitzt, auch mal wegschauen, weghören, wegdösen kann. In «Diorama Bregenz :: Der letzte Mensch» kann man das nicht. Nie. Vom Moment an, in dem man den Bregenzer Kulturraum Magazin 4 betritt. Und zwar allein.

Einzeln wird man hineingeführt, auf die Sekunde genau zum persönlich zugeteilten Starttermin. Im Flüsterton erklärt einem die Frau am Empfang, wie der Abend ablaufen wird. Handy auf Flugmodus, Rucksack und auch Programmheft abgeben, stattdessen bekommt man einen Audioguide.

Bühnenbildnerin Steffi Wurster hat ein Museum ins Magazin 4 gebaut. Man muss einen Gang entlang, um eine Ecke, um noch eine – und landet vor einem Dio­rama. Im Schaufensterbild, wie man es aus dem Naturmuseum kennt, steht ein Steinzeitmensch, in zotteliges Fell gekleidet.

Neben ihm zwei ausgestopfte Gämsen und seine Behausung, aus Knochen, Fell und Moos gebaut. Er blickt in eine gemalte Schneelandschaft. Wind bläst vom Tonband durch die Kopfhörer, und man erfährt: Er war der letzte Mensch, lebte hier ganz allein, vor 5000 Jahren. Was von ihm ist geblieben? Was bleibt?

Bühnenbildnerin Steffi Wurster hat ein Museum in den Bregenzer Kulturraum Magazin 4 gebaut. (Bild: Heinz Holzmann)

Bühnenbildnerin Steffi Wurster hat ein Museum in den Bregenzer Kulturraum Magazin 4 gebaut. (Bild: Heinz Holzmann)

Diese Frage loten Mikeska und Autor Lothar Kittstein aus. Wie in ihren vorherigen Arbeiten entwerfen sie dafür einen Theaterparcours, den der Zuschauer alleine erkundet. Und der in Bregenz zum Gang in die eigene Psyche wird. Mikeska und Kittstein feiern mit ihrer Art Theater Erfolg: Ihre Inszenierung «Antigone :: Comeback» ist zum diesjährigen Schweizer Theatertreffen eingeladen.

Vier historische Figuren aus der Region erzählen

In Bregenz lassen sie vier historische Figuren aus der Region erzählen: ausgehend vom Urmensch, der angeblich beim Bau des Pfändertunnels ausgegraben wurde, und der vor 5000 Jahren als letzter seiner Art lebte. Die Hundsgräfin, eine Geliebte Napoleons, die zeitweise in Bregenz wohnte. Paul Grüninger, St. Galler Polizeikommandant, der Juden über die Grenze in die Schweiz half und deswegen verurteilt wurde. Stephanie Hollenstein, vom Vorarlberger Bauernmädchen zur gefeierten Künstlerin, streng auf Parteilinie der NSDAP.

Die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos spielt die Malerin Stephanie Hollenstein. (Bild: Heinz Holzmann)

Die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos spielt die Malerin Stephanie Hollenstein. (Bild: Heinz Holzmann)

Vier spannende, brüchige Figuren. Die in ihrem Leben Grenzen überschritten, anderen halfen, Grenzen zu überschreiten, und die nun Grenzen des Theaters überschreiten. Über allem die Frage: Was bleibt? Was macht Menschsein aus?

Das Unfassbare an diesem Theaterabend: Man steht der Schauspielerin, dem Schauspieler alleine gegenüber. Kann nicht ausweichen, sich nicht entziehen. Wird direkt angesprochen, angeschaut, angefasst. Beklemmende Nähe, Angst, Abwehr, Scham, berührende Nähe, Lachen – nie hat man im Theater Figuren intensiver erlebt.

«Nur Spass», beschwichtigt Paul Grüninger

Doch es ist kein Mitmachtheater, man wird nicht gezwungen, Dinge zu tun, die man nicht tun will. Die knappe Stunde im Theaterlabyrinth ist spannungsgeladen. Und Beklemmend: Als Paul Grüninger einen ins Kabuff bittet, und natürlich folgt man, weil man davon ausgeht, dass Theater einem nichts Böses will. Und dann kommt er einem so nah, raunt ins Ohr, niemand könne einen hören. Kurz steigt Panik auf, ist der ein Vergewaltiger? «Nur Spass», beschwichtigt ein verbitterter Grüninger. Und hängt seine Uniformjacke auf den Bügel.

Paul Grüninger (Rolf Mautz) wartet in «Diorama Bregenz :: Der letzte Mensch» auf Anerkennung. (Bild: Heinz Holzmann)

Paul Grüninger (Rolf Mautz) wartet in «Diorama Bregenz :: Der letzte Mensch» auf Anerkennung. (Bild: Heinz Holzmann)

Oder berührend: Der Urmensch schenkt Glück, fest drückt er es einem in die Hand. Die Wanduhr tickt, in seiner Wohnhöhle mit dem alten Elektroherd und der Matratze an der Wand scheint die Zeit stehengeblieben. Sind wir nicht alle der Urmensch, allein, verkrustet vor Einsamkeit, auf der Suche nach jemandem, der deine Zwei sein will?

Die Schauspielerinnen und Schauspieler Jeanne Devos, Daniel Blum, Rahel Jankowski und Rolf Mautz leisten Grossartiges. Wieder und wieder spielen sie ihre Szene, lassen den Zuschauer an sich heran, schenken einem die intimsten Momente, von denen man nicht dachte, dass sie im Theater möglich sind. Und schicken einen weiter auf den albtraumhaften Parcours, den man alleine beginnt und alleine verlässt. Grosse Fragen im Herzen, grosse Gefühle im Kopf. Wer sich darauf einlassen mag: Schnell um Karten kümmern. Nur 16 Zuschauer dürfen das pro Vorstellung erleben.

«Diorama Bregenz :: Der letzte Mensch», Landestheater Bregenz, Vorstellungen bis 31.7.2019

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.