Im Roman des Irakers Ahmed Saadawi treibt Frankenstein in Bagdad sein Unwesen

Leichtfüssig lässt der irakische Autor Ahmed Saadawi Frankensteins Monster im Bagdad der Gegenwart wiederauferstehen.

Susanna Petrin
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Der irakische Schriftsteller Ahmed Saadawi.

Der irakische Schriftsteller Ahmed Saadawi. 

Foto: PD

Bagdad liegt in einem Ranking von rund 230 Grossstädten ganz hinten. Nirgendwo sonst auf der Welt lebt es sich schlechter. Krieg und Terror hatten die irakische Hauptstadt Jahrzehnte lang fest im Griff. Phasenweise explodierten bis zu 16 Bomben am Tag. Wirtschaft, Kultur, Hoffnung – alles am Boden zerstört. Diesem Horror kommt der irakische Autor Ahmed Saadawi mit schwarzem Humor bei. Sein Roman «Frankenstein in Bagdad» ist eine erfrischend unpathetische Variation von Mary Shelleys 200 Jahre altem Romanklassiker. In Saadawis Bagdad von 2006 erschafft kein Wissenschafter in einem Heimlabor das Monster, das ausser Kontrolle gerät, sondern ein versoffener Trödler in seiner schmuddligen Brockenstube.

Trödler Hadi will im Gegensatz zu Victor Frankenstein nicht das Geheimnis des Lebens entdecken, sondern einen Toten begraben. Sein bester Freund wurde bei einem Attentat zerfetzt, und so baut Hadi aus den vielen in den Strassen Bagdads herumliegenden Leichenteilen einen immerhin bestattbaren Körper. Dass nach dem letzten Puzzlestück, der Nase, auch noch eine Seele in diesem Flickwerk Unterschlupf suchen würde, damit konnte Hadi nicht rechnen. Der nun Untote steht auf und beginnt seine starken Hände um Hälse zu legen: Zunächst rächt er die Opfer, aus deren Fragmenten er besteht. Doch alsbald mordet er drauflos, um selber weiterzuleben. Des Monsters faulende Gliedmassen müssen regelmässig durch frische ersetzt werden; Gewalt gebiert stets neue Gewalt.

Eine Parabel auf die Zustände in Saadawis Heimatstadt

So wie dieses Ungeheuer, ist auch der verschachtelte Roman aus vielen Teilen zusammengesetzt. Ein buntes Karrussel an Personen dreht sich im Kreis: Darunter ist die Christin Elischwa, die sich mit einem Bild des heiligen Georg unterhält und seit 20 Jahren auf ihren im Iran-Irak Krieg verschollenen Sohn wartet; ihr fester Glaube lässt sie im Monster ihren Daniel wiedersehen. Oder Machmud Sawadi, ein ehrgeiziger Journalist, verliebt in die Freundin seines Chefs und beiden hörig. Besonderen Genuss bieten die Szenen im «Amt für Beobachtung und Beurteilung» – dort versucht ein Brigadier mit Hilfe von Hellsehern Verbrecher zu fassen.

Mit leichter Hand mischt Ahmed Saadawi Elemente realen und fiktiven Horrors, Fantasy, Sozialstudien sowie intertextuelle Anspielungen auf das Original. Noch das Grausamste erzählt er in einem leichtfüssigen Tonfall, ohne dabei dessen ernsten Hintergrund, das Leid der Menschen, zu verraten. Gegen Romanende kommt Zweifel daran auf, ob das Monster nun echt oder nur eingebildet ist. Das passt zu einer Region, wo keine Fiktion den realen Horror zu übertreffen vermag.

Für diese Parabel auf die monströsen Zustände in seiner Heimat hat Ahmed Saadawi 2014 den internationalen Preis für Arabische Fiktion erhalten. Alsbald ist «Frankenstein in Bagdad» in diverse Sprachen übersetzt worden, nun auch auf Deutsch vom Berner Arabisten Hartmut Fähndrich. Gerade rechtzeitig ist es in einem Moment erschienen, in dem die Welt einmal mehr nach Bagdad schaut, wo Tausende gegen soziale Missstände und Korruption protestieren. Viele Demonstranten wurden getötet. Sollte in Teil ihrer Anliegen umgesetzt werden, so gibt es wieder Hoffnung, dass das Monster Ruhe gibt.

Achmed Saadawi Frankenstein in Bagdad. Roman, Assoziation A, 259 Seiten.