Afrika hinter dem Rheinfall

Im Juni wird Irène Schweizer 70, heute abend tritt sie im «Olymp» der Klassik auf: in der Tonhalle Zürich. Ein Porträt der grossen Nonkonformistin des Schweizer Jazz.

Tom Gsteiger
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Freiheit, klangerfüllt: Irène Schweizer am Klavier. (Bild: ky./Franco Greco)

Freiheit, klangerfüllt: Irène Schweizer am Klavier. (Bild: ky./Franco Greco)

Dass aus einer Raupe ein Schmetterling wird, kennt man aus der Natur tausendfach. Dass aus einem Schweizer Mädchen, das 1941 als Wirtstochter in Schaffhausen auf die Welt kommt und erst einmal Handorgel spielt, eine international renommierte Free-Jazz-Pianistin wird, ist hingegen ein absolut einmaliges Wunder. Es trägt den Namen Irène Schweizer.

Sich behaupten

«Ohne Jazz wäre ich wohl Sekretärin geblieben», sagt Irène Schweizer. Trotz langer Sturm- und Drang-Phase als Improvisatorin hat sie nie die Bodenhaftung verloren. Aber auch nie eine Familie gegründet. «Dass ich allein lebe, ist ein bewusster Lebensentwurf. Ich wollte mir stets meine Unabhängigkeit und Freiheit bewahren, um Musik machen zu können.» Ein guter Freundeskreis, das reiche, sagt Irène Schweizer, die frauenpolitische Anliegen früher auch in musikalischen Gefilden offensiv vertrat.

Rückblickend meint sie: «Ich musste mich in einer Männerdomäne behaupten. Bei gewissen Veranstaltern hatte ich vielleicht einen Frauenbonus, aber bei den Musikern gar nicht.» Dass sie es heute leichter hätte, glaubt die Autodidaktin aber nicht – im Gegenteil: «Durch die Jazzschulen gibt es massenweise gut ausgebildete Musiker. Das ist schon fast eine Art Inzucht. Früher hat man weniger von <Schweizer Jazz> geredet. Ich gehörte zu einer internationalen Free-Jazz-Family.»

1991 erhielt Schweizer den Kulturpreis der Stadt Zürich. Und nun der Solo-Auftritt in der Tonhalle; das sei durchaus eine Auszeichnung, aber «eigentlich nicht mein Ambiente». Ihr erstes Solo-Rezital gab Schweizer 1976 in Willisau. Kurze Zeit darauf entstanden die Soloplatten «Wilde Señoritas» und «Hexensabbat», die vom Zürcher Label Intakt Records auf Doppel-CD wiederveröffentlicht wurden. Die Musikerin Lindsay Cooper charakterisiert Schweizers Spiel auf diesen frühen Solo-Alben sowohl als experimentell als auch als warm und kommunikativ.

Trotz Faszination für Schönberg, Berg, Webern, Messiaen oder Elliott Carter: Ihr primärer Bezugspunkt ist der afroamerikanische und südafrikanische Jazz: «Ornette Coleman und Don Cherry sind immer noch Vorbilder für mich. Wie sie Melodie und Rhythmus mit freiem Spiel zusammenbringen, entspricht mir ganz stark.» Als denkwürdige Momente streicht sie (auf Intakt Records verewigte) Konzerte mit Vertretern der Great Black Musik heraus: 2004 mit Fred Anderson und Hamid Drake in Willisau, drei Jahre später mit Oliver Lake, Reggie Workman und Andrew Cyrille in Bern und Zürich.

«Die Grillen gehört»

Der Zürcher Altsaxophonist Omri Ziegele, 18 Jahre jünger, hat mit der Pianistin zuerst im Duo und dann im Trio mit Schlagzeuger Makaya Ntshoko ein Repertoire aus Lieblingsstücken erarbeitet. Ziegele über Schweizer: «Sie muss irgendwann mal die afrikanischen Grillen hinter dem Rauschen des Rheinfalls gehört haben. Aus dem Schaffhauser Landmeitli wurde die weltläufige, souveräne Musikerin.» Und ihr gegenwärtiges Schaffen? «Das Wunderbare heute ist», sagt Ziegele, «dass sie nicht mehr gegen etwas spielen und leben muss, sondern alles zusammenfliessen lassen kann, was sie in ihrem Leben gesammelt hat. Welch ein Reichtum!»

Konzerte: 11.4. Tonhalle Zürich, 21.5. Kammgarn Schaffhausen

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