Africa mon amour

Afrika und Europa verbindet keine einfache Beziehung. Deren schillernde Facetten zeigt der aus Kamerun stammende Pascale Marthine Tayou im Kunsthaus Bregenz in einer Einzelausstellung voller Sinnlichkeit und Dynamik.

Christina Genova
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Im Kunsthaus Bregenz riecht es dank Pascale Marthine Tayou nach würzigem Vorarlberger Bergheu. Damit wurde die «Africonda», links im Bild, gefüllt. (Bild: Christian Hinz)

Im Kunsthaus Bregenz riecht es dank Pascale Marthine Tayou nach würzigem Vorarlberger Bergheu. Damit wurde die «Africonda», links im Bild, gefüllt. (Bild: Christian Hinz)

«I love you!», ruft Pascale Marthine Tayou allen Passanten zu. Aber natürlich tut er dies nicht wirklich; der Künstler prangt auf den Plakatwänden entlang der Bregenzer Seestrasse und hält die Liebeserklärung in Form einer leuchtenden Neonschrift hoch. Sie ist Hinweis auf seine gleichlautende Einzelausstellung im nahen Kunsthaus.

Potente Pharaonen

«Ich hab euch lieb», ist das die etwas naive Botschaft, die der aus Kamerun stammende und heute in Belgien lebende Künstler dem Publikum vermitteln will? Doch schon im Treppenaufgang kommt es zu einem radikalen Umschwung der Gefühle: Von der Decke hängen rund 800 zugespitzte Holzpfähle; «Beautiful Sky» nennt Tayou diese bedrohliche Arbeit ironisch. Ein Unbehagen, dem man sich unmöglich entziehen kann, macht sich breit, und man beginnt zu ahnen, dass der Künstler mehr will, als nur simple Liebesgrüsse verbreiten.

Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann? Tayou weiss ganz genau, was alles mitschwingt, wenn Europäer mit dem Bild eines Schwarzen und dessen überschwenglicher Liebeserklärung konfrontiert werden. Als afrikanischer Künstler ist er auch Botschafter seines Kontinents, ob er es will oder nicht. Unsere Vorurteile und Erwartungen ihm und seiner Herkunft gegenüber sind in vielen seiner Werke nicht nur mit einkalkuliert, sondern er spielt auch damit. Ängste wie jene vor der Invasion Europas durch Flüchtlinge aus dem bevölkerungsreichen Afrika und tumbe Phantasien von der sagenhaften Potenz afrikanischer Männer kontert er mit Humor und totaler Überspitzung: Zu Füssen zweier sagenhaft bestückter ägyptischer Pharaonen liegen Tausende bunter Alabaster-Eier. Tayous «I love you!» bekommt hier einen spöttischen Beiklang.

Alles stürzt ab

Zu den beeindruckendsten Exponaten gehört die begehbare Installation «Things Fall Apart». Der Titel stammt vom gleichlautenden weltberühmten Roman des nigerianischen Autors Chinua Achebe, der sich mit der Zerstörung der afrikanischen Kultur während der Kolonialzeit auseinandersetzt. Hunderte von Gegenständen scheinen von der Decke zu fallen: afrikanische Handbesen, spitze Holzpfähle, Masken, eiserne Fussfesseln, Holzfiguren für Touristen, Schulhefte. Genauso wie die Gegenstände stürzen unterschiedliche Assoziationen auf die Betrachter ein. Es ist eine Installation, die mit Blick auf die schmerzvolle Beziehungsgeschichte zwischen Afrika und Europa in die Zukunft schaut und Fragen aufwirft. Die wichtigste lautet: Wie gehen Europa und Afrika mit der kolonialen Vergangenheit um?

Gordischer Schlangenknoten

Denn dass die Ausbeutung Afrikas auch in postkolonialer Zeit weitergeht, ist für Tayou offensichtlich. Als Mahnmal dafür liegt ein einfacher Sack mit Erde aus Kamerun am Boden. Die Gier nach Afrikas Rohstoffen wie seltenen Erden ist enorm, auch Ackerland wird von Staaten und Unternehmen im grossen Stil aufgekauft. «I love you!», sagt Tayou trotz dieser hart auf die Probe gestellten Liebesbeziehung, und sein Bekenntnis wirkt auf einmal sehr versöhnlich.

Ein würziger Geruch liegt über dem zweiten Ausstellungssaal. Der Direktor des Kunsthauses, Yilmaz Dziewior, lüftet das Geheimnis: «Es ist Bergheu aus der Region.» Damit hat Tayou die 400 Meter lange «Africonda» gefüllt, eine mehrköpfige Hydra aus bunten Waschlappen, die sich um zugespitzte Holzpfähle windet und deren Diamantaugen glitzern. Vielleicht ist die Schlange eine Metapher für das gordische Beziehungsgeflecht, das Europa mit Afrika verbindet? «Sehr vieles bleibt ein Geheimnis», sagt Dziewior. Dies und auch die Tatsache, dass unter den über hundert Exponaten dieser vielschichtigen Ausstellung wohl für jeden etwas dabei ist, stimmen tröstlich. Denn nichts ist grosszügiger als wahre Liebe.

Kunsthaus Bregenz, bis 27.4.2014.

«David Crossing the Moon»: Tayous Neonarbeit versöhnt Religionen. (Bild: Ela Bialkowska)

«David Crossing the Moon»: Tayous Neonarbeit versöhnt Religionen. (Bild: Ela Bialkowska)

Pascale Marthine Tayou Der in Belgien lebende Künstler wurde in Kamerun geboren (Bild: pd)

Pascale Marthine Tayou Der in Belgien lebende Künstler wurde in Kamerun geboren (Bild: pd)