Affäre mit Ablaufdatum

Lässt sich Liebe zeitlich beschränken? Der einnehmende Film «Sette giorni» von Rolando Colla lässt zwei Menschen in der Mitte des Lebens eine Affäre planen.

Andreas Stock
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Kurzes Liebesglück: Alessia Barela und Bruno Todeschini in «Sette giorni». (Bild: pd/Filmcoopi)

Kurzes Liebesglück: Alessia Barela und Bruno Todeschini in «Sette giorni». (Bild: pd/Filmcoopi)

«Das ist mutig», meint Chiara auf den Vorschlag von Ivan. Und geht auf den Liebes-Deal ein. Die italienische Kostümbildnerin und der französische Botaniker sind seit zwei Tagen auf der Insel Levanzo. Auf dem kleinen Eiland westlich von Sizilien leben nur noch einige alte Menschen, und auch sonst ist ziemlich vieles hier in die Jahre gekommen. Chiara ist die Freundin von Francesca, Ivan der Bruder von Richard; Francesca und Richard wollen auf der Insel heiraten und haben die beiden beauftragt, sieben Tage vor dem Fest auf Levanzo die Vorbereitungen für sie zu treffen.

Die Offene und der Hadernde

Ivan, der seit Jahren wenig Kontakt zu seinem Bruder hat, würde am liebsten gleich wieder abreisen und die Übung abblasen. Das Hotel ist schmuddelig und der Leuchtturm, in dem sein Bruder die Hochzeitsnacht verbringen will, eine Ruine voller Schutt und Abfall. Chiara hingegen ist zuversichtlich, dass sie das in den paar Tagen bis zum Fest hinbekommen. Sie ist auch gegenüber den Inselbewohnern wesentlich aufgeschlossener als Ivan, der den Einheimischen wenig zutraut.

Trotz ihrer unterschiedlichen Charakterzüge fühlen sich die beiden, die sich erst auf der Insel das erste Mal begegnet sind, voneinander angezogen. Weil jedoch weder Ivan noch Chiara aus verschiedenen Gründen im Moment eine Beziehung suchen, schlägt er ihr vor, ihre Liebelei auf die Tage bis zur Hochzeit zu beschränken. Danach soll jeder wieder seines Weges gehen.

«Sette giorni», chronologisch in sieben Tages-Kapitel gegliedert, entwickelt ganz sacht eine Anmut, die fasziniert. Das liegt zum einen an den zwei Hauptdarstellern. Der Westschweizer Bruno Todeschini zeichnet Ivan zunächst als abweisenden, misstrauischen Mann. Seine schroffe Schale wird von Chiara bald geknackt; ihrer Offenheit und ihrem Optimismus hat er wenig entgegenzusetzen. «Du kennst meinen Bruder besser als ich», muss er eingestehen, als sie ihm erklären kann, wieso der einst drogenabhängige Richard auf dieser Insel heiraten und in einem Leuchtturm die Nacht verbringen will.

Warum sie sich auf die Affäre mit Ablaufdatum einlassen, sie beide längst nicht alles so unter Kontrolle haben, wie sie vorgeben, das schält sich langsam heraus. Rolando Colla inszeniert seine Liebesaffäre still, setzt dem kurzen Liebesrausch immer wieder Momente von Zweifel und Bitterkeit entgegen – wobei solche Emotionen ebenfalls zurückhaltend formuliert sind.

Natürliche Schönheit und Melancholie

Zur Faszination des Films gehört aber auch der Schauplatz Levanzo. Dabei stellte dieser für den italienisch-schweizerischen Regisseur durchaus eine Herausforderung. Denn die Insel ist von herber Schönheit, ihre vom Zahn der Zeit angefressene Schlichtheit und ihr beschaulicher Alltag hätten schnell in pittoreskem Kitsch ertränkt werden können. Rolando Colla umschifft diese Klippen seichter Inselromantik souverän. Er lässt ihre natürliche Schönheit zu, grundiert sie aber mit einem melancholischen Abgesang. Denn die Alten, die hier im einzigen Dorf der Insel noch zur Beerdigung zusammenkommen, sind die letzten Bewohner. Mit ihnen droht ein Stück Alltagskultur, ihre Lieder, ihre einfachen Mahlzeiten, ihre Geschichten, zu Ende zu gehen. Colla fängt dieses Leben mit Empathie und Aufmerksamkeit ein und fügt zu den Landschaftsaufnahmen immer wieder Bilder von metaphorischer Poesie.

Wie zuvor im mehrfach preisgekrönten Drama «Giochi d'estate» evoziert Rolando Colla damit eindrückliche, einnehmende Stimmungen. Und eine von Zwiespalt gebremste Leidenschaft, zu der sich selbst ein Happy End denken lässt.

Rolando Colla ist am Do, 24.11, 20 Uhr, Gast im Kinok St. Gallen; der Film startet demnächst im Luna Frauenfeld und weiteren Kinos in der Region.