AEROSMITH: «Nur noch von Musik abhängig»

Die Rockband um Steven Tyler ist auf grosser Abschiedstournee und kommt auch in Zürich vorbei. Doch wie Tyler und seine Bandkollegen antönen, ist wohl nicht ganz so schnell Schluss.

Olaf Neumann
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Steven Tyler: «Solange wir können, machen wir Musik.» (Bild: Al Wagner/ap (Juni 2016, Nashville))

Steven Tyler: «Solange wir können, machen wir Musik.» (Bild: Al Wagner/ap (Juni 2016, Nashville))

Interview: Olaf Neumann

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@tagblatt.ch

Zum Bandinterview in München erscheint der vierfache Grossvater Steven Tyler mit lackierten Fingernägeln und im Piratenlook. Der Mann mit der dicksten Lippe im Rock ’n’ Roll, den langen grau melierten Haaren, den auffälligen Ringen und den Floskeln, wirkt wie sein eigenes Klischee und trotzdem noch anziehend.

Steven Tyler, ist «Aero-Vederci Baby!» die letzte Tour von Aerosmith? Haben Sie keine Angst, Entzugserscheinungen zu bekommen?

Tyler: Wir konnten für diese Tour keinen besseren Titel finden als «Aero-Vederci Baby!» Wir sind als Band schon sehr lange zusammen und haben viele Höhen und Tiefen durchlebt. Wir waren oft kurz davor aufzuhören, haben es uns aber doch noch anders überlegt. Ich weiss nicht, ob die Rolling Stones zugeben würden, dass es bei ihnen ähnlich war, aber wir sind ehrlich genug, es zu tun.

Brad Whitford: Als wir diese Tour planten, hielten wir den Titel für passend. Für einen Moment dachten wir wirklich, es könnte die letzte sein, aber jetzt merken wir, auf der Bühne zu stehen fühlt sich einfach zu gut an. Wir lieben, was wir tun. Unsere Fans unterstützen uns mehr denn je. Wie könnten wir da aufhören?

Joey Kramer: Ich spiele in dieser Band seit meinem 19. Lebensjahr. Jetzt bin ich 66. Ich kenne nichts anderes als Aerosmith. Und ich möchte nicht bei McDonald’s arbeiten.

Whitford: Du könntest es aber zumindest mal probieren!

In zwei Jahren wird die Band 50. Wollen Sie Ihr Jubiläum noch mit Ihren Fans feiern?

Tyler: Ja, natürlich. Wahrscheinlich machen wird dann noch eine Welttournee. Ich drücke die Daumen, dass es klappt. Denn die Welt verändert sich. Sie ist nicht mehr so wie 1970, als wir anfingen. Damals war der Vietnamkrieg noch in vollem Gange und die Marihuana rauchenden Hippies steckten den Soldaten und Polizisten Blumen in die Gewehrläufe. Heute schiessen die Cops auf friedfertige Leute. Es wird immer schlimmer. Aber solange wir können, machen wir Musik. Wir fünf hier sind seit fast einem halben Jahrhundert zusammen.

Steven Tyler, Sie haben vier Enkel. Wie nennen die Sie?

Unterschiedlich. Granddaddy. Grandpa. Papa Steven. Vor vier Jahren fühlte es sich noch sehr komisch an, Opa genannt zu werden, aber ich habe mich dran gewöhnt. Ich fühle mich heute fitter als Ende der 70er-Jahre, wo ich ziemlich durcheinander war.

Damals sind Sie auf der Bühne einige Male zusammengebrochen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Keine, denn ich war ja bewusstlos! Ich habe vielleicht ein paar Drogen mehr als andere genommen, aber heute bin ich nur noch von Musik abhängig. Sie ist die stärkste Droge von allen. Ich erinnere mich an einen Auftritt in Maine, bei dem ich umgefallen bin, weil ich zu viel getrunken hatte. Ich hatte mir den Fuss verletzt und war so beschämt, dass ich die Show nicht zu Ende spielen konnte.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Schon in meiner Jugend in Neuengland war ich total ergriffen von Musik. Mein Vater spielte jeden Sonntag nach dem Picknick klassische Musik von Bach, Brahms und Beethoven im Duett mit meiner Schwester. Das fand ich sehr ergreifend. Später entdeckte ich den Rock ’n’ Roll für mich und gründete mit meinem alten Kumpel Ray Tabano eine Band. Als er ging, stiessen Steven, Brad, Joey und Tom dazu und wir nannten uns Aerosmith.

In Ihrer Autobiografie behaupten Sie, mit Joe Perry sagenhafte 20 Millionen Dollar in Kokain investiert zu haben. Wie kam es dazu?

Wir waren zu reich, zu jung und zu doof. Ich bin an dem Zeug hängen geblieben, ich liebte es. Ich bin damit viel zu weit gegangen. Bevor Joe und ich überhaupt jemals eine Droge angefasst haben, lebten wir in Sunapee/New Hampshire und machten die grössten Dummheiten. Als Ten Years After «Goin’ Home» rausbrachten, wurde ich von dieser Musik richtig high. Es war eine grossartige Ära. Wir alle wussten, dass Nixon ein Scheisskerl war, der alle belog. Aber heute ist die Welt auch nicht besser geworden.

In Manchester wurden bei einem Anschlag 22 Besucher eines Popkonzertes getötet. Wie fühlt es sich an, in Zeiten wie diesen auf Tour zu sein?

Tyler: Nicht so gut. Wir werden den IS-Terroristen aber nicht zeigen, dass wir Angst vor ihnen haben. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie unsere Art zu leben verändern. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Und wir sollten keine Mauern errichten.

Whitford: Familie und Freunde meinten, wir sollten lieber nicht auf Tour gehen. Wir haben uns anders entschieden. Unglücklicherweise passierte dann dieser furchtbare Anschlag in Manchester. Aber wir machen weiter.

Tom Hamilton: Das Herumtouren hat sich sehr verändert. Es fühlt sich nicht mehr so unbeschwert und locker an wie früher. Als wir jetzt in Moskau spielten, hatte ich während des Konzertes die Eingangshalle im Blick und musste an Manchester denken. Diesen Gedanken habe ich nicht mehr aus dem Kopf gekriegt.

In den 60er-Jahren war Rockmusik der Soundtrack des Protests. Hat sie heute noch revolutionäres Potenzial?

Tyler: Ich denke, ja.

Steve Perry: Nein, nicht mehr. Als wir Ende der 60er-Jahre starteten, war Rock ’n’ Roll die Waffe einer Subkultur gegen die etablierte Kultur. Irgendwann hat die Musikbranche den Rock ’n’ Roll als Wirtschaftsfaktor erkannt. Ich glaube nicht, dass es noch einmal eine Rebellion geben wird.

Live: 5. Juli, Hallenstadion Zürich

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