Adventsstücke in der Schweiz

Wir stellen eine Auswahl von sechs Kinderstücken vor: Aus Bern, Basel, Zürich, St.Gallen und Luzern.

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Cengalo der Gletscherfloh im Theater Bern. (Bild: Annette Boutellier/Theater Bern)

Cengalo der Gletscherfloh im Theater Bern. (Bild: Annette Boutellier/Theater Bern)

Theater Bern - Auch Flöhe juckt der Klimawandel

Der Kampf fürs Klima beginnt im Kleinen. Franz Hohlers «Cengalo, der Gletscherfloh» verlegt die Klima­debatte in den Mikro­kosmos einer Gletscherfloh­familie, der die Höhle wegschmilzt. Nachdem seine Kinder ihn über die Folgen des Klimawandels aufgeklärt haben, nimmt es Gletscherfloh-Vater Cengalo, Hausmann und Musiker, in einem Songcontest mit einem mit Starkstrom musizierenden Klimaleugner-Floh auf. Doof nur, dass am Konzert Theater Bern die belehrenden Kinder von erwachsenen Darstellern gespielt werden. Das Eis schmilzt erst, als in der ­musikalisch von Sibylle Aeberli (Schtärneföifi) begleiteten Inszenierung (Regie: Meret Matter) Naturgewalten mitreissend zu singen beginnen. Julia Stephan

Cengalo, der Gletscherfloh Konzert Theater Bern.
Ab 6 Jah­ren. 16./17./18./19.12. u. v. m.

Theater Basel - Schellen-Ursli als Opernheld

Wer zu spät kommt, kriegt die kleinste Schelle. Und muss im Engadin beim «Chalanda­marz» zuhinterst im Umzug marschieren. Aber nicht Ursli, denn er weiss: Oben im Maiensäss, da hängt noch eine Glocke, grösser als alle ande- ren. Der Bündner Kunstmaler Alois Carigiet und die Autorin Selina Chönz schufen 1945 ­dieses inzwischen weltberühmte und von Xavier Koller kürz- lich verfilmte Kinderbuch. Komponist Marius Felix Lange hat eine musikalisch reizvolle Opernversion für sechs Kinderstimmen geschrieben. Nur Mama und Papa und die unheimliche bis lächerliche Figur des Winters sind «richtige» Opernsänger. Tim Jentzen hat die Geschichte am Theater ­Basel liebevoll, mit einem Schuss Poesie kindergerecht angerichtet.
Reinmar Wagner

Schellen-Ursli Theater Basel, ab 6 Jahren. Fast täglich bis ­ 7. Januar 2020.

Opernhaus Zürich - Knöpfe sind kein Ersatz für Augen

Coraline, nicht Caro­line – immer verwechseln alle ihren Namen. Die Titelheldin der gleichnamigen Oper langweilt sich schrecklich. Die Eltern haben keine Zeit, die Nachbarn sind alle verrückt, und es regnet dauernd. Die geheime Tür zur Anderwelt ist verlockend, denn dort gibt es eine kümmernde Andermutter und Spielsachen ohne Ende. Doch anstatt Augen bekommt man Knöpfe. Coraline will das nicht und muss über sich hinauswachsen, bis sie wieder in ihr richtiges Zuhause kommt. Die Inszenierung im Opernhaus Zürich (Regie Nina Russi) kommt flott daher, das Bühnenbild zeigt, was technisch auf einer Opernbühne möglich ist. Doch Anderwelt und reale Welt gleichen einander, auch musikalisch. Das Unheimliche dürfte ruhig unheimlicher sein.
Julia Nehmiz

Coraline Opernhaus Zürich, ab 8 Jahren. 10./13./14.12.. Weitere Vorstellungen 2020.

Schauspielhaus Zürich - Schräg, schräger, Schneewittchen

Das Weihnachtsmärchen am Schauspielhaus Zürich kommt alles andere als betulich daher. «Schneewittchen Beauty Queen» ist ein ­wilder, anarchischer Ritt quer durch alle Kinderzimmerklischees, Weltkrisen und Gesellschaftsprobleme. Man staunt, wie verdammt aktuell die alten Märchen sind, in denen eben dann doch die «wirkliche Wahrheit über die Welt» verhandelt wird. Stemann hat in die alten Vorlagen alles hineingepackt. Schneewittchen und Rotkäppchen und sechs (oder sieben) Zwerge, dazu Schönheitswahn, entwürdigende Castingshows, Klimawandel, Veganismus, Gender, Ausbeuterkapitalismus, Angst vor Überfremdung – und es ist ein unfassbar grosser, tiefer Spass.
Julia Nehmiz

Schneewittchen Beauty Queen Schauspielhaus Zürich, ab 8 Jahren. 22./26./29.12. Fassung für Erwachsene: 10./26.12.

Theater St.Gallen - Sich von der Fantasie entführen lassen

Das Mädchen im Matrosenkleid protestiert, warum wird sie denn von diesen komischen Figuren auf die Bühne getragen? Sie will das doch gar nicht, und Alice heisse sie auch nicht. Anja Horsts Fassung von «Alice im Wunderland» für das Theater St. Gallen beginnt mit einer Entführung: Eine Art ­Appell, sich einfach mal von der Fantasie wegtragen zu lassen. Denn die besten Geschichten erlebt man im Spiel. Alice trifft auf Raupe, Hase, Hutmacher, Königin – es dauert, bis die Inszenierung in Schwung kommt. Klar, wer sich in der Fantasie treiben lässt, der hat kein Ziel, keinen Auftrag. Alice meistert aber jede schräge Begegnung. Mit liebevoll-knalliger Ausstattung wird das «Wunderland» zum Leben erweckt. Doch in die Tiefe geht es nicht so wirklich.
Julia Nehmiz

Alice im Wunderland Theater St. Gallen, ab 5 Jahren. 22./24./26./30.12. u.v.m.

Theater Luzern - Für das Gespenst wird die Nacht zum Tag

Das kleine Gespenst lebt den Teenager-­Traum: Die Nacht wird zum Tag und der Tag zur Nacht. Aber dieses kleine Gespenst ist dummerweise kein Teenager, sondern eben ein Gespenst. Und da die Geisterstunde aus unerklärlichen Gründen von Mitternacht auf Mittag verlegt wurde, wird es immer trauriger und immer trauriger. In der Inszenierung von Dóra Halas und Fruzsina Nagy am Luzerner Theater wird der Stoff von Otfried Preussler multimedial aufgearbeitet. Der Geist spukt via Projektion und auch schon verwandelt der Beamer die Kulisse immer wieder. Dazu ist es ein buntes Kostümfest mit viel Gesang und nicht allzu viel Geschichte. Über weite Strecken ist es ein grosses Vergnügen und vor allem für Kinder ein Entdeckerfestival.
Michael Graber

Das kleine Gespenst Luzerner Theater, ab 6 Jahren. Bis 19. Januar.