Adolf Muschg wird 85

Adolf Muschg ist der letzte lebende Büchnerpreisträger der Schweiz. Ein süss-saures Loblied auf den streitbaren Intellektuellen und sanftmütigen Literaturförderer, dessen dicke Romane fordern und oft überfordern.

Hansruedi Kugler
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Man wünscht Adolf Muschg noch viele Jahre, um sich künstlerisch einzumischen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Man wünscht Adolf Muschg noch viele Jahre, um sich künstlerisch einzumischen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Geburtstagsgrüsse sind alles andere als ein harmloses Geschäft: «Die Versuchung ist nicht gering, meinen Glückwunsch in Salz und Essig einzulegen. Er würde davon nicht minder ehrlich, und Sau- res pflegen Sie zu vertragen.» Dieser ausgefuchste Geburtstagswunsch galt dem oft rabiaten Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Zu dessen 60. Geburtstag 1980 geschrieben hatte ihn der Schriftsteller Adolf Muschg, der am heutigen Tag selbst seinen 85. Geburtstag begeht. Ranicki und Muschg gerieten öfters schroff aneinander, in unvereinbaren Gegensätzen verharrend über die Aufgabe der Literaturkritik. Geburtstagsgrüsse scheinen also geeignet für Abrechnungen mit feinster rhetorischer Klinge.

Manchmal brummte den Kritikern der Schädel

Eine reine Huldigung oder nüchterne Lebenschronik wäre umgekehrt dem Jubilar Muschg wohl selbst fad und nicht angemessen – auch wenn die Brillanz dieses Mannes zweifellos beides verdient hätte. Da Muschg selbst mit Salz, Essig und Saurem argumentiert, greift man deshalb in die Küchenrhetorik und bekennt: Die eigenen Glückwünsche haben ­einen süss-sauren Geschmack. Das Säuerliche lässt sich rasch benennen: Auch ich habe als Leser öfters kapituliert vor seinen dicken, verschachtelten, mit ­Anspielungen überbordenden Romanen – und einige deshalb gar nicht erst in die Hände genommen.

Vielen Literaturkritikern brummte nach einem Muschg-Roman der Schädel. Das böse Wort machte die Runde: Es gäbe nur einen idealen Leser von Muschg-Romanen: Adolf Muschg selbst! Aber dürfen Romane die Leser nicht überfordern? Sie sollen es bitte! Aber man hat es wohl verlernt: «Der rote Ritter», «Das Licht und der Schlüssel», «Der weisse Freitag», «Heimkehr nach Fukushima» – ohne Vor- und Mitarbeit der Leser bleiben sie allzu harte Knacknüsse.

Auch Marcel Reich-Ranicki war mit dem Verteilen von Saurem nicht gerade knausrig. Just im Mai 2009, als Muschg 75 Jahre alt wurde, schrieb er in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» auf eine Leserfrage nach dem Sinn von dicken Büchern antwortend: «1993 erschien Muschgs Roman ‹Der rote Ritter›. Der Stoff interessierte mich, doch als ich den Umfang sah (1006 Seiten!), verzichtete ich sofort auf die Lektüre.» Er habe nicht die Zeit, «die Rosinen in diesem gigantischen Kuchen zu suchen». Was für ein beidseitiger vergnüglicher Sprachwitz! Hier Muschgs Florett, dort Ranickis Hammer.

Freundlich aufmunternder Autorenförderer

Beim Wiederlesen stehe ich nun trotzdem bewundernd vor dem lebenslangen öffentlichen Ringen des Autors Muschg mit sich, seiner Hypochondrie, seiner verwirrten Generation und der selbstgefälligen Schweiz. Er ist ein Autor, der schon mit seinem Erstling «Im Sommer des Hasen» literarisch die Provinz in die Welt, hier nach Japan, ausdehnte. Er ist einer, der uns Gottfried Keller in einer neuen Biografie wieder nahe gebracht hat, dessen «Liebesgeschichten» sich auch fünfzig Jahre später erfrischend lesen und zu Klassikern geworden sind. Und er ist einer, dessen Buch «Literatur als Therapie?» man allen aufs Kopfkissen legen möchte, die von Literatur zu viel oder zu wenig Nutzen für die Lebenspraxis erwarten. Kurz: Adolf Muschg ist der letzte Grossmeister der Schweizer Literatur.

Ein wenig vergessen geht dabei, dass Adolf Muschg vielen Nachwuchsautoren auf die Beine geholfen hat. Die bekannteste ist Ruth Schweikert. Sie schrieb, Muschg sei «ein Lehrer, der seinen Schülern nicht nur erlaubt, über sich und ihn hinauszuwachsen, sondern sie gar dazu er­mutigt.»

Sein Schreibatelier an der ETH, wo er als Literaturprofessor wirkte, war so etwas wie der Vorläufer heutiger Literaturinstitute. Vor vielen Jahren gehörte auch ich kurzzeitig zu diesem Kreis – allerdings mit wenig Talent. Die für Muschg typische aufmunternde Sanftmut bleibt mir unvergessen. Und die Einsicht befreiend: Nicht jeder Journalist muss auch noch einen Roman schreiben.

Einmischen erwünscht

In den 1990er-Jahren machten die Nationalkonservativen im Land saure Mienen zu Adolf Muschgs Einmischungen. Da verdrängte der politische Essayist in meiner Aufmerksamkeit den Romancier. Die Erinnerung allerdings ist zwiespältig. Dachte Muschg differenziert und scharf etwa darüber nach, ob Auschwitz auch in der Schweiz möglich gewesen wäre, wurde er prompt zum «Volksfeind» abgestempelt. Seine Provokationen waren und sind vielen zu wenig handfest – und man sehnt sich wieder nach solchen gepfefferten Einmischungen von Intellektuellen seines Formats.

Darum war meine Freude gross, als Muschg 2015 dem jungen Theaterwilden Milo Rau den Konstanzer Konzilspreis verlieh. Rau mache «sein Geschäft mit unreinem Stoff, der aktuellen Geschichte, unserer eigenen. Er reklamiert unseren Anteil daran», heisst es in Muschgs Laudatio. Da bewundert ein Alter einen Jungen für das ungestüme, künstlerische Einmischen. Man wünscht Adolf Muschg selbst noch viele Jahre davon – ein paar sperrige Romane inklusive.