Achtsamkeit mit roten Bohnen

Der neue, berührende Film von Naomi Kawase ist ein zärtliches Plädoyer für Rücksicht und Toleranz. Die Japanerin erzählt von der Zubereitung einer Süssspeise, meint aber insbesondere die generationenübergreifende Gesellschaft.

Andreas Stock
Drucken
Teilen
Die Kunst des Dorayaki: Tokue (Kirin Kiki) weiss, wie die japanische Süssspeise zubereitet werden muss. (Bilder: pd/Filmcoopi)

Die Kunst des Dorayaki: Tokue (Kirin Kiki) weiss, wie die japanische Süssspeise zubereitet werden muss. (Bilder: pd/Filmcoopi)

Eigentlich mag er Süsses nicht. Und seine Arbeit scheint dem einsamen, schweigsamen Mann auch nicht wirklich Freude zu machen. Doch jeden Tag öffnet Sentaro den kleinen Imbissladen in Tokio, um Dorayaki zu backen, süsse, bierdeckelgrosse Pfannkuchen. Eines Tages, es ist Frühling und die Kirschbäume sind in voller Blüte, steht eine alte Frau vor dem Geschäft und bewirbt sich für die ausgeschriebene Aushilfsstelle.

Sentaro wimmelt die 76-Jährige damit ab, dass die Arbeit viel zu streng für sie sei. Doch Tokue lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Am folgenden Tag meint sie zu ihm, sein Teig sei zwar gut, aber seine Paste aus gekochten roten Bohnen, die zwischen zwei Pfannkuchen gestrichen wird, schmecke nicht. Sie überreicht ihm eine Kostprobe ihrer selbst gemachten Rote-Bohnen-Paste. Sie bereite sie seit 50 Jahren selber zu. Denn die roten Bohnen seien «die Seele eines Dorayaki».

Bohnen erfordern Zeit

Sentaro wird, nachdem er die Paste von Tokue probiert hat, begeistert davon sein. Und später zugeben, dass er erstmals in seinem Leben einen ganzen Dorayaki gegessen habe. Er gibt Tokue die Aushilfsstelle trotz ihrer krummen, steifen Finger und den Ausschlägen und Beulen an ihren Händen. Und sie lehrt ihn, wie man eine gute Rote-Bohnen-Paste macht – was uns als Zuschauer ebenfalls detailliert geschildert wird. Deren Zubereitung muss bereits vor Sonnenaufgang begonnen werden. Denn der Mittvierziger muss lernen, dass es dafür nicht nur Zeit und Geduld braucht, sondern auch viel Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für das Produkt und den heiklen Prozess der Zubereitung. Nur dann entsteht eine gute Bohnenpaste.

Vom Kochen und Inszenieren

Diese Sorgfalt zahlt sich aus, wie Sentaro bald merkt. Denn dass es hier nun sehr gute Dorayaki gibt, spricht sich in der Gegend schnell herum. Innert Tagen bildet sich eine Schlange mit Kunden vor dem kleinen Laden.

Die Sorgfalt und Liebe, mit der Tokue die Paste zubereitet, entspricht der Empathie und Achtsamkeit, mit der Naomi Kawase ihren neuen Film «An» inszeniert. Wie das eigentlich simple Rezept für die Bohnen ist die Geschichte einfach: Sie erzählt, wie sich zwei ganz unterschiedliche Menschen, zu denen sich noch die stille Schülerin Wakana gesellt, auf unerwartete Weise gegenseitig helfen – und sich, am Rande der Gesellschaft stehend, nicht mehr so alleine fühlen. Das Geheimnis dafür, dass daraus ein grossartiger, berührender Film wird, liegt wie bei den Bohnen in der «Zubereitung»: der Geduld, die sich Kawase nimmt. Der grossen Zuneigung, mit der sie sich ruhig ihren Figuren widmet.

Erfolg an Japans Kinokassen

Vor wenigen Monaten erst war mit «Still the Water» ein vorangegangener Film der japanischen Regisseurin in unseren Kinos zu sehen. «An – von Kirschblüten und roten Bohnen» ist ihr erster Film, der auf einer Vorlage beruht, dem gleichnamigen Roman von Durian Sukegawa. Die Naturmystik und metaphorische Strenge von «Still the Water» ist hier wesentlich unaufdringlicher, ebenso die dramaturgische Zuspitzung. «An» ist, was das Echo in Japan betrifft, Naomi Kawases bisher erfolgreichstes Werk. Mit dafür verantwortlich dürfte sein, dass die Japanerin diesmal gradliniger und klarer inszeniert. Doch was unspektakulär scheint, zeugt von einer meisterlichen, erzählerischen Beherrschung. Erst nach und nach erfährt man als Zuschauer, was Wakana, Tokue und Sentaro zu Aussenseitern macht. Und woher die Traurigkeit von Sentaro kommt, die Tokue in seinen Augen erkannt hat.

Tränenreich

Das gipfelt in einigen sehr bewegenden, tränenreichen Szenen. An der Premiere in Cannes musste sich Kawase darum teilweise den Vorwurf gefallen lassen, sie sei sentimental und kitschig geworden. Eine unberechtigte Kritik, zumal die Regisseurin auf eine grobe inszenatorische Forcierung verzichtet. Dass einen diese Schicksale nicht unberührt lassen, hängt auch mit den hervorragenden Darstellern zusammen. Keiko Uchida, die als Kirin Kiki ein japanischer Fernsehstar wurde und hierzulande zuletzt im erfolgreichen Film «Like Father, Like Son» zu sehen war, verkörpert die 76jährige Tokue einnehmend, ebenso Masatoshi Nagase den wortkargen Dorayaki-Bäcker.

«An – von Kirschblüten und roten Bohnen» ist wohl – abgesehen vom eleganten Meisterwerk «Carol» von Todd Haynes – der schönste, zärtlichste Weihnachtsfilm, den es in diesen Tagen zu sehen gibt. Obwohl es darin keine einzige Weihnachtsszene gibt. Denn es geht umso mehr um Werte wie Nächstenliebe oder eine generationenübergreifende Toleranz.

Jetzt im Luna Frauenfeld und im Kinok St. Gallen; weitere Kinos in der Region werden folgen.

Mag die Pfannkuchen nicht essen: Sentaro (Masatoshi Nagase), meist wortkarg und eher mürrisch.

Mag die Pfannkuchen nicht essen: Sentaro (Masatoshi Nagase), meist wortkarg und eher mürrisch.

Aktuelle Nachrichten