Ach, wär' ich doch ein Bub

Mit Feingefühl und auf Augenhöhe mit der jungen Protagonistin erzählt Céline Sciamma in «Tomboy» von der zehnjährigen Laure, die sich als Bub ausgibt. Das sommerlich leichte Coming-of-Age-Drama läuft derzeit im Kinok.

Walter Gasperi
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Versteckspiel mit dem eigenen Ich: Die zehnjährige Laure (Zoé Héran, links) gibt sich auch gegenüber Lisa als Michaël aus. (Bild: pd/Agora Film)

Versteckspiel mit dem eigenen Ich: Die zehnjährige Laure (Zoé Héran, links) gibt sich auch gegenüber Lisa als Michaël aus. (Bild: pd/Agora Film)

Eine Familie zieht um. Das ältere der beiden Kinder lässt bei der Autofahrt sein Haar im Wind wehen, darf später selbst neben dem Vater den Wagen lenken. In der neuen Wohnung tollt es mit dem Vater herum, der zum Pokern auffordert. Dann erkundet man die Gegend, trifft auf die ebenfalls etwa zehnjährige Lisa (Jeanne Dissan) und der Neuankömmling stellt sich als Michaël vor.

Ein Sommer der Freiheit

Geschickt lässt Céline Sciamma bei dieser Exposition den Zuschauer rund zehn Minuten lang über das Geschlecht der Protagonistin (Zoé Héran) im Ungewissen. Nicht nur das knabenhafte Aussehen, sondern auch Gesten und Verhalten legen nahe, dass es sich um einen Bub handelt. Doch dann spricht die Mutter sie als «Laure» an und für Eindeutigkeit folgt eine Einstellung, in der das Mädchen aus der Badewanne steigt.

Das neue Umfeld und die Sommerferien, in denen man noch nicht durch die Bürokratie der Schule klar festgeschrieben ist, schaffen für Laure Freiheiten. Hier kann sie die Bubenrolle, die ihr Lisa bei der ersten Begegnung zugeschrieben hat, weitertreiben.

Denn Laure ist ein sogenannter Tomboy, ein Mädchen, das sich entsprechend der gängigen Geschlechterrollen von Buben verhält. Viel lieber als mit Puppen spielt sie mit den «anderen» Knaben Fussball oder misst mit ihnen ihre Kräfte im Freibad. Damit ihr wahres Geschlecht nicht auffliegt, muss sie aber Tricks entwickeln, muss den Badeanzug umschneidern und in der engen Badehose mit Plastilin nachhelfen, um als Bub durchzugehen. Auf Dauer kann dieses Spiel freilich nicht gut gehen – früher oder später muss die Wahrheit ans Licht kommen.

Regisseurin auf Augenhöhe

Eng, auf die elterliche Wohnung und die Kontakte mit den neuen Freunden beschränkt, führt die 31jährige französische Regisseurin die Handlung. Die Kamera ist nah dran an der mit Zoé Héran schon rein physiognomisch ideal besetzten Laure und ihren Spielgefährten. Ganz auf Augenhöhe der wunderbar natürlich agierenden Jugendlichen begibt sich Céline Sciamma so und fängt ihre vorgegebenen, geschlechtertypischen Gesten und Verhaltensweisen mit genauem Blick ein. Wie die Jungs spuckt Laure beim Fussballspiel auf den Boden, rauft mit ihnen oder lässt sich beim Wettlauf nicht abhängen. Deutlich wird in solchen Szenen auch, dass solche Verhaltensweisen wohl weniger vom biologischen Geschlecht als vielmehr von der Gesellschaft vorgegeben und beeinflusst sind.

Ernstes Thema, federleicht

Im Changieren zwischen der Bubenrolle, die Laure draussen spielt, und der Mädchenrolle im Kreis der Familie wird einfühlsam ihre Zerrissenheit erfahrbar. Man spürt, welchen Druck diese Doppelrolle für die Zehnjährige bedeutet, wie gerne sie darüber mit den Eltern sprechen würde, dies aber nicht wagt.

Trotz des ernsten Themas kommt «Tomboy» federleicht daher. Dies, weil die atmosphärisch eingefangene Sommerstimmung ein Gefühl der Freiheit vermittelt, aber auch dank einer sicheren Balance zwischen Spannung und Witz. Einerseits dreht die französische Regisseurin kontinuierlich an der Schraube der drohenden Entdeckung der Wahrheit, andererseits haben die stets neuen Vertuschungstechniken Laures komisches Potenzial. Etwas zu weit treibt es Céline Sciamma dabei erst, als Laures jüngere Schwester Jeanne (Malonn Lévana) ins Spiel kommt. Wie diese Sechsjährige spricht und agiert, ist zwar hinreissend anzusehen, doch auch zu altklug für dieses Alter, um glaubhaft zu sein.

Kinok Lokremise: So, 18., 18.20 Uhr; Mo, 19., 18.30 Uhr; Mi, 21., 18.30 Uhr; Mi, 28., 15.30 Uhr, und letztmals Fr, 30.12., 17.30 Uhr.