Aby Warburgs Worte als Wortbilder

Aby Warburg lebte drei Jahre in Kreuzlingen. Gezwungenermassen, er war psychisch krank. Eine Ausstellung in Konstanz widmet sich dem Gelehrten – und geht weit über Warburgs Aufenthalt in der Binswanger'schen Klinik hinaus, zeigt den Wissenschafter eingebettet in einem kulturgeschichtlichen Kontext.

Dieter Langhart
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Kurator Kurt Schmid in der Warburg-Ausstellung «Oh Fortuna». (Bild: Dieter Langhart)

Kurator Kurt Schmid in der Warburg-Ausstellung «Oh Fortuna». (Bild: Dieter Langhart)

KONSTANZ. Man könnte den fast 5000 Wörter langen Wikipedia-Eintrag über Aby Warburg lesen; man könnte durch Aby Warburgs Bilderatlas «Mnemosyne» blättern (dem sich 2013 und 2014 Ausstellungen in St. Gallen und Urnäsch gewidmet haben); man könnte Ludwig Binswangers «Unendliche Heilung. Aby Warburgs Krankengeschichte» lesen. Man könnte stattdessen auch in den Konstanzer Bildungsturm steigen und sich die Ausstellung «Oh Fortuna» ansehen.

Da liegen zuoberst zahlreiche Bücher zur Vertiefung bereit. Da wird aber insbesondere deutlich, in welchem kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext sich Aby Warburg (1866–1929 bewegt hat.

Im Alleingang

Zusammengestellt hat die Ausstellung der Kreuzlinger Kurt Schmid, ehemals Professor an der Pädagogischen Hochschule Thurgau – allein und aus eigenem Antrieb und lediglich mit der Unterstützung durch das Team des Bildungsturms und die Stadt Kreuzlingen. «Ich will nicht die Geschichte des verrückten Professors im Bellevue erzählen», sagt Schmid, «ich will Warburgs Worte als Wortbilder sichtbar machen.»

Kurt Schmid hat alle vier Etagen bespielt im Turm hinter dem Kulturzentrum am Münster. Man nehme sich Zeit für all die Texttafeln, die die Fotografien und Abbildungen erklären und ergänzen. Das Erdgeschoss zeigt Aby und Mary Warburg 1922 im Park der psychiatrischen Heilanstalt Bellevue (Ludwig Binswangers Erstdiagnose lautete auf Schizophrenie) und Hinweise auf das gestörte Familienglück aus dem Familienalbum. Fortuna tritt hier erstmals auf, in zwei unterschiedlichen Darstellungen von 1532 und 1541, und die Glücksgöttin zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung. Denn Kurt Schmid zeichnet nicht nur Aby Warburgs Schicksal nach, er weitet es zu einer Studie des Schicksalsthemas aus. So ist etwa Virtus, Fortunas Gegnerin, in der Renaissance ebenso zu finden wie in der barocken Basilika Birnau.

Referat über indianisches Ritual

Vor seiner Erkrankung reist Aby Warburg nach Nordamerika, besucht indigene Völker, studiert ihre Riten und referiert daheim in Hamburg darüber. Später, am 21. April 1923, hält er im Bellevue einen Vortrag über das Schlangenritual der Hopi, will so beweisen, dass er wieder klar denken kann. Mit Bibliothekar Fritz Saxl besucht er die Kreuzlinger Basilika St. Ulrich – und findet in einem Deckengemälde die todbringende und die heilende Schlange wieder.

Der Urgrund aller Bilder

Kurt Schmid zeigt die «Schicksalsmächte im Spiegel antikisierender Symbolik» auf, mit Botticellis «Geburt der Venus» (über die Aby Warburg dissertiert hatte), mit Dürer und Cassirer und mit Beispielen aus Aby Warburgs Symboltheorie. Der Kunsthistoriker hat sie nicht fertigstellen können, ebenso wenig wie sein gewaltiges Projekt, den Bilderatlas «Mnemosyne». Mit ihm hat Aby Warburg, nach der Entlassung aus der Klinik Bellevue, die verborgenen Verbindungen zwischen antiken und neuzeitlichen Motiven zu erforschen gesucht, den Urgrund aller Bilder.

Oh Fortuna: Aby Warburg im Kreuzlinger Bellevue 1921–1924. Bildungsturm, Konstanz; bis 20.9. Di–Fr 10–18, Sa/So 10–17 Uhr

Aby Warburg war drei Jahre in Kreuzlingen: Kurator Kurt Schmid in der Ausstellung «Oh Fortuna». (Bild: Dieter Langhart)

Aby Warburg war drei Jahre in Kreuzlingen: Kurator Kurt Schmid in der Ausstellung «Oh Fortuna». (Bild: Dieter Langhart)