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Alle wollen an Ulli ran

Das Basler Cartoonmuseum widmet der bedeutenden österreichischen Comicschöpferin Ulli Lust eine höchst sehenswerte Werkschau. In ihren biografischen Werken erzählt sie in aller Direktheit aus ihrem Sexleben.
Hans Keller
Ulli Lust ist bekannt für die spektakuläre Dokumentation ihres aufregenden Lebens. (Illustrationen: Ulli Lust)

Ulli Lust ist bekannt für die spektakuläre Dokumentation ihres aufregenden Lebens. (Illustrationen: Ulli Lust)

«Hey, lass mich los!! Aufhören!!» Ulli will sich nicht von Guido betatschen lassen, der sich nachts in ihre Strandhütte geschlichen hat. Ein wüstes Gerangel geht los, Köpfe knallen auf den Boden, Arme umschlingen Hälse, er schüttelt sie, sie rüttelt ihn. Nein, Ulli Lust hat keine Lust auf Sex mit diesem lüsternen Italiener. Eine – es geht auch zeichnerisch drunter und drüber – dramatisch inszenierte Szene aus «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens».

In dieser fulminanten Graphic Novel von 2009 schildert Ulli Lust einen chaotischen Trip durch Italien, den sie als damalige Punkfrau – sie war 1984 nach dem Besuch einer Modezeichnerschule in die Wiener Punkszene geraten und fand die nihilistische Einstellung sowie die Outfits dieser ‹Fantasiemenschen› toll – mit ihrer Freundin Edi unternommen hat. Die unersättliche Edi treibt es mit jedem Typen, den sie «süss» findet, Ulli dagegen ist zurückhaltend und gerät immer wieder in Konflikte mit italienischen Männern, die sie als Freiwild betrachten.

Nachtliche Strandszenen und Mafiosi-Söhne

«Ich war damals siebzehn», erzählt Ulli Lust, «und mir wurde die Erotik lediglich von aussen angetragen. Ich mochte es zu knutschen, hatte aber eigentlich noch keine sexuellen Bedürfnisse. Als punkige Tramperin, die keinen Sex wollte, war ich dauernd mit Männern konfrontiert, die sich über jede Weigerung hinwegzusetzen versuchten.»

Alle wollen an Ulli ran, ergo muss sie in dieser sensationellen Comicreportage dauernd gegen Papagalli, verheiratete Papis und am Strand herumhängende Jüngelchen fighten.

Könnte man darin eine Bestätigung des Ausspruchs «Eine normale Frau kann sich wehren» sehen, welchen eine Französin anlässlich der «Me-Too»-Chose machte? Ulli kontert sofort: «Das ist ein total blöder Spruch, denn es erweist sich meist als eine Illusion, zu denken, dass eine normale Frau sich gegen männliche Aggressionen wirklich wehren könne.» Ulli Lust muss es wissen, denn sie hat solches hautnah erlebt.

Es handelt sich bei «Heute ist der letzte Tag» um eine Dokumentation jenes Trips durch Italien, und das Besondere an dieser Comicreportage sind das szenaristisch-dramaturgische Talent und die zeichnerischen Fähigkeiten, mit welchen uns Ulli Lust über 460 Seiten lang zu fesseln weiss. Nächtliche Strandszenen sowie pummelige Mafiosi-Söhne werden hier mit Bleistift in träfen und duftigen Szenen festgehalten, die nie im Geringsten pingelig wirken.

Das szenarisch-dramaturgische Talent von Ulli Lust zeigt sich in allen Facetten.

Das szenarisch-dramaturgische Talent von Ulli Lust zeigt sich in allen Facetten.

Nach einer Comic-Adaption des Romans «Flughunde» von Marcel Bayer kehrte Ulli Lust 2017 mit «Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein» zu jenem Genre zurück, das ihr wie keiner anderen Comicschöpferin liegt: zur spektakulären biografischen Dokumentation ihres aufregenden Lebens. «Ich war damals zweiundzwanzig und hatte mittlerweile explizite sexuelle Bedürfnisse, die ich unbedingt ausleben wollte. Ich war nicht mehr die permanente Neinsagerin wie im ‹Letzten Tag›», resümiert Ulli süffisant.

Sie habe ihr Sexleben in aller Direktheit erzählen und zeichnen wollen, da Frauen auch heute noch oft eine verlegene Etepetete-Haltung an den Tag legten, wenn es um die Libido gehe. Es handelt sich um die Dokumentation einer Dreiecksbeziehung, und Ulli Lust gelingt es hier eine ganze Weile, den Fünfer und das Weggli zu kriegen: der Nigerianer Kim verwöhnt sie mit geilem Sex, von ihrem Freund Georg wiederum erhält sie sowohl den geistigen Überbau als auch platonische Zuwendung. Eine versuchte Quadratur des Kreises, die natürlich auf die Dauer nicht gut gehen kann, auch wenn man sich allseits um Toleranz bemüht. Trotzdem gibt es eine Art Happy End – wie gelegentlich eben auch im richtigen Leben.

Ausstellung im Cartoonmuseum Basel, bis 28.10.

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