Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Abtauchen im Advent

Die Ausstellung «Atempause» bei «Kultur im Bahnhof» zeigt Tauchbilder von Marietta Widmer und Johanna Klasing. Sie ist erfrischend, gleichzeitig aber beruhigend und entspannend – wie ein winterlicher Besuch im Hallenbad.
Beda Hanimann
Bewegung, Spass – und Witz: «Klassenfoto» von Marietta Widmer. (Bilder: Coralie Wenger)

Bewegung, Spass – und Witz: «Klassenfoto» von Marietta Widmer. (Bilder: Coralie Wenger)

Es braucht eine gewisse Kühnheit, zur Weihnachtszeit eine Ausstellung mit tauchenden Menschen und planschenden Kindern zu realisieren. Kühnheit, vielleicht auch Witz und Schalk. Was auch immer, Dorothee Haarer, die Kuratorin von «Kultur im Bahnhof», hat es. Und erklärt munter, Taucher passten doch ganz gut zu Weihnachten. Luft holen, durchatmen, für viele habe das ebenso viel mit Advent zu tun wie mit dem realen Tauchen.

Der Besuch der Ausstellung «Atempause» beweist noch in anderer Hinsicht, wie gut das Thema in die Jahreszeit passt. Diese Nuancen von Blau wirken nicht kalt, sondern evozieren im langgezogenen Raum die einladende Wärme eines Hallenbades im Winter. Und vor den knallorangen Badekappen im hellblauen Wasser steigt dem Betrachter schon fast dieser typische Hallenbadgeruch in die Nase.

Unterschiedliche Zugänge

Marietta Widmer und Johanna Klasing sind aus unterschiedlichen Gründen auf das Motiv des Tauchens gestossen. Die 1956 geborene Klasing arbeitet mit Sprache und Bildern, oft bedingen sich beide. Im Zug eines schriftstellerischen Projekts hat sie sich mit Apnoe-Tauchen befasst, mit der Atemtechnik, aber auch dem Mut und der Konzentration, welche das Tieftauchen ohne Atemgerät bedingt. Sie zeigt eine Serie von kleinformatigen Zeichnungen und drei Ölbilder. Widmer, Jahrgang 1974, ist gelernte Textildesignerin, Lehrerin für Bildnerisches Gestalten, freischaffende Künstlerin – und passionierte Sporttaucherin. Ihre grossformatigen Ölbilder sind muntere Szenen vom Spass im Wasser.

Stupende technische Präzision

Trotz dieser unterschiedlichen Ausgangslage fällt zuerst einmal eine Gemeinsamkeit auf. Es ist die stupende technische Präzision. Wie Johanna Klasing mit dem Zeichenstift auf kleinster Fläche Körper, Rundungen und Schattierungen modelliert, ist atemberaubend. Frappant realistisch und präzis sind in Marietta Widmers Bildern die Luftbläschen beim Planschen, die Klarheit der Unterwasserwelt und das Licht unmittelbar unter der Wasseroberfläche. Auffallend ausserdem, wie beide Künstlerinnen bei allem Realismus Tendenzen zum Formalistischen haben. Etwa im fast ornamental wirkenden Lila-Rosa-Blau-Spiel von Widmers «Alena» oder in der geometrischen Strenge der Bläschen in Klasings «Naked breathing».

Ernsthaftigkeit unter Wasser

Neben diesen Klammern aber sind es die Gegensätze und Unterschiede im Werk der beiden Künstlerinnen, die wirken, der gänzlich andere Gestus. Klasings Zeichnungen sind Körperstudien mit den Insignien des Tauchens, Brille, Schnorchel und Flossen. Eine nicht nur formale, sondern auch inhaltliche Reduktion also. Die Ölbilder wirken durch ihre flächige Farbgebung – mal Hellblau, mal tiefes Dunkelblau – fast stilisiert. Sie symbolisieren die Stille, die Ruhe unter Wasser, sie stehen für diesen anderen Aggregatszustand des Seins nach dem Eintauchen ins Wasser. Aus Klasings Bildern sprechen Konzentration, Ernsthaftigkeit, Strenge.

Alles ist Bewegung

Bei Marietta Widmer dagegen ist alles Bewegung und Planschen. Sie malt das Sprudeln des Wassers, das schwerelose Schweben der Menschen. Wasser ist hier nicht unendliche, unergründliche Räumlichkeit und Tiefe, sondern Material, mit dem man spielt. Freude, Lockerheit, Entspannung, Spass prägen diese Bade- und Tauchszenen. Am augenfälligsten und witzigsten, wenn sich eine Gruppe Kinder auf dem Bassinboden zum unkonventionellen Klassenfoto – dies der Titel des grössten Bildes – formiert.

Im «Klassenfoto» zeigt sich am deutlichsten die Spannung, von der diese Tauch- und Wasserbilder leben. Tauchen ist ja Bewegung an sich, unter Wasser bleibt der Mensch nie reglos wie etwa beim entspannten Liegen auf einem Sofa. In den Bildern aber erstarrt diese Bewegung zwangsläufig zu einer stummen Welt in Blau. Das macht die Ausstellung erfrischend, gleichzeitig aber beruhigend. Es ist die Ruhe nach dem Abtauchen aus der lauten Oberwasserwelt.

Bis 6. Januar. Kultur im Bahnhof St. Gallen (1. OG); Mo-Fr: 8–22 Uhr, Sa + So: 9–16 Uhr

Aus Johanna Klasings Apnoe-Serie. (Bild: (Coralie Wenger))

Aus Johanna Klasings Apnoe-Serie. (Bild: (Coralie Wenger))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.