ABSTURZ: Amerikas Dad steht vor Gericht

Bill Cosby steht wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Trotz mehrerer Vorwürfe begann sein Stern erst 2014 zu fallen – wegen eines Komikerkollegen.

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Das Lachen ist ihm und seinen Fans vergangen. Bill Cosbys Karriere befindet sich seit drei Jahren im Sturzflug. Sein Bild als fiktiver Vorzeigevater, Grimassenschneider und Spassvogel der amerikanischen Fernsehunterhaltung wurde durch das eines hinterhältigen Vergewaltigers ersetzt. Und das verdankt er einem «Arbeitskollegen»: Im Oktober 2014 sprach Comedian Hannibal Buress bei einem Stand-up-Auftritt über Cosby. Er hasse es, wie Cosby die Afroamerikaner belehrte, sagte er. «Dafür vergewaltigst du Frauen, Bill Cosby, also halt dich etwas zurück», scherzte er weiter.

Das auf Youtube veröffentlichte Video brachte den Stein ins Rollen, der Cosby förmlich überrollte. Obwohl er sich bereits mehrmals vor Gericht wegen sexueller Nötigung verantworten musste, erreichte das Thema erst jetzt die Massen. Immer mehr Frauen trauten sich, an die Öffentlichkeit zu gehen. Bis heute haben mindestens 60 Frauen Cosby sexuelle Belästigung, Missbrauch oder Vergewaltigung vorgeworfen. Der Streamingdienst Netflix und der TV-Sender NBC haben ihre Projekte mit dem Komiker eingestellt, Wiederholungen von «Die Bill Cosby Show» sind aus dem Programm gestrichen worden. Sein Stern am Walk of Fame wurde mit dem Wort «Vergewaltiger» beschmiert. Cosby selbst hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seine Antwort auf die Anschuldigungen: «Darüber spreche ich nicht.»

Lange muss er das auch nicht. Parallel muss sich der 79-Jährige einem ganz anderen Problem widmen: Ende April erklärte er, seit zwei Jahren blind zu sein. Eines Morgens sei er aufgewacht und habe nicht mehr sehen können. Sympathiepunkte blieben ihm verwehrt. Einige Monate vorher wurden Bänder eines anderen Gerichtsfalls aus dem Jahr 2005 veröffentlicht, die der letzte Nagel zum Sarg seiner Karriere sein sollten. Darin gesteht Cosby, in mindestens einem Fall eine junge Frau mit einem Rauschmittel betäubt zu haben, um sie zu vergewaltigen. Die Staatsanwaltschaft in Pennsylvania rollte deshalb den Fall wieder auf und erhob zehn Jahre später Strafanzeige gegen Cosby.

Es ist der erste Strafprozess gegen Cosby. Eine ehemalige Angestellte der Temple University in Philadelphia wirft Cosby vor, ihr im Januar 2004 Tabletten verabreicht und sie dann in seinem Haus sexuell missbraucht zu haben. Laut der «Washington Post» drohen Cosby bis zu 20 Jahre Haft. Angesichts seines hohen Alters könnte das Gericht die Strafe aber deutlich verringern. Bereits vor dem Auftakt von gestern hatten Cosby und seine Anwälte suggeriert, hinter den Vorwürfen würde Rassismus stecken. Auch warfen sie der Jury vor, keine Schwarzen als Geschworene zu erlauben. Der Vorwurf erinnert an O. J. Simpson, der ebenfalls seine Hautfarbe zum Thema des Prozesses macht – mit Erfolg.

Cosbys Prozess ist auf etwa zwei Wochen angesetzt. Es steht Aussage gegen Aussage, eindeutige Beweise gibt es nicht, und mehrere Zeugen sind inzwischen verstorben. Eine schwierige Aufgabe für die Staatsanwaltschaft, die sich nur auf Cosbys Aussagen von 2005 stützen kann. Beim aktuellen Prozess will er nicht aussagen. Seine Anwälte kündigten bereits ihre Strategie an, die Klägerin als verschmähte Geliebte darstellen zu wollen, die sich jetzt rächen will. Es liegt nun an der Jury zu entscheiden, ob Cosby seinen 80. Geburtstag am 12. Juli im Gefängnis verbringt.

Federico Gagliano