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ABSCHIED: «Wer nie gezweifelt hat, hat nie geglaubt»

Der St.Galler Pfarrer Karl Graf hat in Trogen zu über 100 Bach-Kantaten theologische Einführungen gehalten. Er und der Bach-Dirigent Rudolf Lutz bildeten stets ein sich bestens ergänzendes Duo. Nächsten Freitag treten die beiden letztmals gemeinsam auf.
Martin Preisser
Der 84-jährige Karl Graf liest noch täglich Bibelzitate in Hebräisch und Griechisch. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der 84-jährige Karl Graf liest noch täglich Bibelzitate in Hebräisch und Griechisch. (Bild: Hanspeter Schiess)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Johann Sebastian Bach hat eine «Kaffeekantate» komponiert. Warum nicht auch eine «Weinkantate» hatte sich die pfälzische Gemeinde Kirchheim an der Weinstrasse einst gedacht und eine Komposition beim St. Galler Musiker Rudolf Lutz in Auftrag gegeben. Karl Graf hat dazu ein Libretto geschrieben. Ein Schüler Bachs tritt da auf und heiratet in Kirchheim die Weinkönigin.

«Magst Du nicht auch noch ein wenig mitmachen», hatte ­Rudolf Lutz, Dirigent sämtlicher Bach-Kantaten des über Jahre ­angelegten Mammutprojekts der St. Galler J. S.-Bach-Stiftung, den ehemaligen Pfarrer von St. Laurenzen in St. Gallen gefragt. Aus dem «Ein-wenig-Mitmachen» wurde ein festes Engagement Karl Grafs, der seit 2006 bis heute jeden Monat eine theologische Einführung zu den Bach-Kantaten gehalten hat, insgesamt über 100. Und fast von Anfang an mit vielen, heute oft zweihundertfünfzig Zuhörern, welche Bachs Musik auch über den religiösen Hintergrund verstehen wollen.

J. S. Bachs Musik ist voller Gottvertrauen

«Karl Graf hat ein grosses Verständnis für Musik und ist ein exzellenter Bibelkenner», attestiert Rudolf Lutz seinem ehemaligen Pfarrer, mit dem er über zwanzig Jahre gemeinsam Gottesdienste gestaltet hat. Graf, inzwischen 84 Jahre alt, liest jeden Morgen noch Bibeltexte in den Ursprachen Hebräisch und Altgriechisch. «Geistige Wachheit im Alter muss man bewusst pflegen», sagt der Theologe, für den Bachs Musik ein starkes Vehikel für die zu Grunde liegenden theologischen Botschaften ist. «Wer singt, betet doppelt», hat Luther einmal ­gesagt. In diesem Sinne verstärke die Musik die theologische ­Botschaft, ist Karl Graf überzeugt: «Bachs Musik ist Musik voller Gottvertrauen und Musik eines sehr gläubigen Menschen.» Wie steht es mit dem Gottvertrauen bei ihm selbst? Karl Graf sagt: «Wer noch nie gezweifelt hat, hat noch nie geglaubt.» Umgekehrt gehe Bachs Musik nie ohne wirkliche Theologie, unterstreicht es Dirigent Rudolf Lutz: «Auch als Musiker bin in stetiger theologischer Auseinander­setzung.»

Der Erfolg des Gespanns Graf/Lutz bei den Einführungen in die Kantaten seit zwölf Jahren in Trogen ist auch den unterschiedlichen Temperamenten zu verdanken. Der Musiker Lutz, der immer ein wenig Überschäumende, der Theologe Graf, der Ruhigere, Überlegtere. «Mich hat Karls konzise Art, zu kommunizieren, immer begeistert. Er weiss, was die Kürze, in der die Würze liegt, bedeutet, um auch komplizierte theologische Sachverhalte zu erklären», sagt Rudolf Lutz. «Und ich liebe auch seinen präzisen Humor.» Mit diesem Humor sagt Karl Graf, der als Pfarrer früher auch Religion unterrichtet hat: «Vielleicht ist ja bei meinen Einführungen manchmal auch der Schulmeister ein wenig hervorgekommen.»

Karl Graf, der selbst auch Klavier spielt und nach seiner Pensionierung Orgelstunden genommen hat, beendet sein Engagement bei der Trogener Bach-Reihe jetzt mit einer Einführung in eine neue Komposition von Rudolf Lutz. Nächsten Freitag ertönt nicht eine Bach-Kantate, sondern eine Choralkantate über das bekannte Landsgemeindelied «Alles Leben strömt aus Dir». Karl Graf hat dazu das Libretto geschrieben. Was vielleicht viele Ausserrhoder nicht wissen: Der Text des Landsgemeindelieds kommt aus der Feder einer Frau, einer deutschen Schriftstellerin des 18. Jahrhunderts, Karoline Rudolphi. Die Ausserrhoder Landsgemeinde gibt es seit 1998 nicht mehr, das Lied fand aber Aufnahme in das Gesangbuch der evangelisch-­reformierten Kirche der deutschsprachigen Schweiz. Die Landsgemeindekantate von Rudolf Lutz und Karl Graf darf jedenfalls als Referenz an Trogen verstanden werden, das durch die Aktivitäten der Bach-Stiftung zu einem wichtigen Ort der Bach-Pflege geworden ist.

Die Theologie kommt zukünftig aus Zürich

Im Alter zum richtigen Moment aufhören zu können, sei wichtig, sagt Karl Graf, der aber auch Wehmut verspürt nach so vielen Jahren mit «seinem» Musiker Rudolf Lutz, sei es in St. Laurenzen, sei es in Trogen. Graf war ein «frommer» Partner von Rudolf Lutz und ein profunder Kenner der barocken Sprache. Fromm heisst da eben schlicht und ­einfach «zuverlässig». Das Duo Lutz/ Graf ist nicht kopierbar. Für Karl Graf wird der Zürcher Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter die theologische Seite der Trogener Bach-Reihe in Zukunft betreuen.

Hinweis

Landsgemeindekantate und letzte Einführung mit Karl Graf: Fr, 27.4., 17.30 Uhr, Einführung; 19 Uhr Aufführung, evangelische Kirche, Trogen; die Reflexion über die Lutz-Kantate hält der Innerrhoder Landammann Roland Inauen.

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