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ABSCHIED: Staubschicht von der Tradition geblasen

Zwölf Jahre lang haben sie gejodelt, gerappt, getanzt und so die Appenzeller Tradition entstaubt. Ende Januar verabschiedet sich der Hitzige Appenzeller Chor von der Bühne, trotz des grossen Erfolgs. Die neun jungen Sängerinnen und Sänger haben neue Prioritäten.
Mirjam Bächtold
Waschbrettbauch? Waschbrett-Bauch! Beim Hitzigen Appenzeller Chor wird das Konzert zur Comedy-Show. (Bild: Christof Gruber)

Waschbrettbauch? Waschbrett-Bauch! Beim Hitzigen Appenzeller Chor wird das Konzert zur Comedy-Show. (Bild: Christof Gruber)

Mirjam Bächtold

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Ruggrooveli oder Rapuuseli – diese zwei Worte bringen auf den Punkt, was den Hitzigen Appenzeller Chor ausmacht. Denn das traditionelle Appenzeller Rugguuseli wird bei den «Hitzigen» mit Rap und grooviger Beatbox gewürzt. Sie haben der Appenzeller Tradition eine Frischzellenkur verpasst und sind damit über die Jahre immer bekannter und erfolgreicher geworden. Trotzdem haben sie sich bereits im Januar 2016 entschlossen, aufzuhören. «Wir haben einfach immer weiter gespielt, die Zukunft war ein diffuses Thema. Keiner wusste so richtig, wie es weitergehen sollte», sagt Meinrad Koch, der seit der Gründung des Chors dabei ist. Klar wurde allmählich: Die Prioritäten der Sängerinnen und Sänger – alle zwischen 25 und 29 Jahre alt – hatten sich verschoben. Geschäftsübernahmen, Studien, Familiengründung: Anderes wurde wichtiger. «Wir sind als Teenager in diesen Chor gekommen und mit ihm gewachsen. Letztes Jahr hatten wir rund 60 Auftritte und kaum mehr Zeit für anderes», sagt Raphael Holenstein, musikalischer Leiter des Chors. Mit einem externen Berater kamen die Hitzigen zum Schluss, dass das Aufhören für alle die beste Variante sei. Kaum war der Entscheid gefällt, machten sie sich daran, ihr neues Programm «Joli-zwo» zu entwickeln. «Jetzt geben wir nochmals Vollgas, sagten wir uns», sagt Meinrad Koch.

Aus Projektchor entstanden

Der Hitzige Appenzeller Chor ist 2006 aus einem Projekt entstanden, als die Kantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden Gast an der Olma waren. Der bekannte Musiker Noldi Alder hatte den Auftrag, einen Chor zu gründen, der die Tradition mit der Moderne verbindet. Geleitet hat den Chor Martin Ulrich, heute bekannt als Martin O. Der Stil des A-cappella-Künstlers hat den Hitzigen Appenzeller Chor geprägt. «Wir haben enorm viel von ihm profitiert. Nicht nur musikalisch, sondern auch für die Bühnenpräsenz und die Dramaturgie unserer Auftritte», sagt Meinrad Koch. Von Martin O. haben die Sängerinnen und Sänger auch gelernt, aus Improvisationen Nummern zu kreieren. 2011 hat Martin O. die musikalische Leitung an Raphael Holenstein über­geben und stand dem Chor noch einige Jahre beratend zur Seite. «Er hatte das Flair, vieles aus uns herauszukitzeln und uns von alten Vorstellungen der Tradition zu befreien», sagt Meinrad Koch.

Die Tradition durchgeschüttelt

Die Diskrepanz, oder wie es die Hitzigen nennen, der Clash, zwischen der Appenzeller Tradition und der Moderne ist das Markenzeichen des Chors. «Ich bin ­traditionell aufgewachsen auf einem Bauernhof mit Alpauf­zügen und Jodel», sagt Meinrad Koch. Für ihn sei es einfach immer so gewesen. Erst im Chor habe er begonnen, sich zu fragen, was Tradition bedeutet. «Es war, als würde ich eine Staubschicht von den Noten wegpusten und die Melodien darunter neu entdecken.» Der Hitzige Appenzeller Chor tritt in der Tracht auf und jodelt, doch er macht viel mehr als das. Die vier Sängerinnen und fünf Sänger sind A-cappella-Akrobaten, rappen, beatboxen und singen auch klassische Lieder und Gospels. Ihre zwei Abendfüllenden Programme sind nicht nur Konzerte, sondern Comedy-Shows mit Slapstickeinlagen. Damit sind sie sehr erfolgreich und haben viele Fans. Es gibt gerade in Appenzell und im Toggenburg aber auch kritische Stimmen. «Sie kritisieren nicht, dass wir rappen, sondern dass wir es in der Tracht tun», sagt Séverine Holenstein, die ebenfalls seit Beginn im Chor singt. «Wir haben aber bewusst Altbewährtes hinterfragt und die Leute ein wenig geneckt. Aber wir wollten die Tradition nicht kaputt machen.» Jede Woche in der Probe gehört die Diskussion dazu, wie viel Moderne die Tradition verträgt. «Zum Glück sind wir unterschiedlich aufgewachsen. Wenn jemand etwas zu Gewagtes vorschlägt, wird er von jemand anderem gebremst. Die Vielseitigkeit unserer Erfahrungen und Ansichten über Tradition ist wichtig», sagt Séve­rine Holenstein. Sie hätten auch überlegt, ohne Tracht aufzutreten, die Idee aber wieder verworfen. «Wir sind in Appenzell aufgewachsen, die Tracht ist auch uns wertvoll», sagt Meinrad Koch. «Aber wir leben in einer modernen Welt. Ich kann in der Tracht mit dem iPhone telefonieren. Für Traditionalisten ist selbst das ein No-Go.»

Aufhören, solange es Spass macht

Der Hitzige Appenzeller Chor ist mit den Jahren immer erfolgreicher geworden. Zuletzt hatten die neun Sänger fast an jedem Wochenende einen Auftritt in der ganzen Schweiz, ab und zu gar im Ausland. Da die Auftritte mit dem Chor nicht ihr Hauptberuf sind, wurde das für sie immer strenger. Nun hören sie trotz des Erfolgs auf. «Wir sind weder zerstritten noch gehen uns die Ideen aus. Wir wollten die Sache nicht ausleiern lassen, sondern aufhören, wenn das Singen noch Spass macht», sagt Meinrad Koch. Ob das wirklich das Ende ist? Vorläufig ja, aber vor kurzem haben die Hitzigen bereits wieder neue Ideen gesponnen.

Abschlusskonzerte: 25., 26. und 27. Januar, Aula Gringel Appenzell, je 20 Uhr.

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