Abschied

HÖRBAR KLASSIK Wenn man die drei letzten Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts als Alterswerke bezeichnet, ist das euphemistisch.

Drucken
Teilen

HÖRBAR KLASSIK

Wenn man die drei letzten Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts als Alterswerke bezeichnet, ist das euphemistisch. Sie entstanden zwar drei Jahre vor seinem Tod, aber als Schöpfungen eines erst 32-Jährigen! Diesen Spagat zwischen (relativer) Jugendlichkeit und (reifer) Meisterschaft lässt uns Philippe Herreweghe mit seinem Orchester nachvollziehen. Alles frisch, ja spontan, handkehrum in sich ruhend. Anders herum gesagt: Unter der klassizistischen Oberfläche brodelt es aufregend.

Mozart: Sinfonien KV 543, 550, 551. Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe. PHI LPH 011 (zwei CDs)

Aufbruch

Spielt ein junger Dirigent die Werke eines jungen Komponisten anders als ein ergrauter Maestro? Wenn man zwei frühe Schubert-Sinfonien mit dem aufstrebenden Pablo Heras-Casado hört, wird man die Frage bejahen. Kennzeichnend, dass der Spanier nicht mit einem Grossensemble zusammenspannt, sondern mit dem Freiburger Barockorchester. Das heisst Originalinstrumente in geschärftem Klang, draufgängerisches Musizieren. Die spielerische 3. Sinfonie und die verhangene 4. Sinfonie Franz Schuberts werden von allem Biedermeierlichen befreit und zum Ausdruck pulsierender Unruhe.

Schubert: 3. + 4. Sinfonie, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado. Harmonia Mundi HMC 902154

Zeitlos

Claudio Abbado hatte immer schon eine besondere Affinität zur Musik Anton Bruckners. Sie scheint sich im Alter sogar verstärkt zu haben, das dokumentieren die Aufführungen mit dem Lucerne Festival Orchestra. Letztes Jahr war die 1. Sinfonie an der Reihe; der Mitschnitt gibt Zeugnis eines höheren Einverständnisses zwischen Maestro und Musikern. Musizieren als grosses Atemholen – aus wundersamer Entspannung wachsen ungebärdige Entladungen. Abbado glättet nicht, er belässt der Sinfonie die Kontraste, selbst in der hier gewählten späteren Wiener Fassung.

Bruckner: 1. Sinfonie. Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado. Accentus ACC 30274

Mario Gerteis