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ABSCHIED: Der enthusiastische Querdenker

Nach 27 Jahren stellt sich Konrad Bitterli, stellvertretender Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, einer neuen Herausforderung und wird Direktor des Kunstmuseums Winterthur. Ein Porträt zum Ende einer Ära.
Christina Genova
120 Bewerber interessierten sich für Konrad Bitterlis Stelle. (Bild: Benjamin Manser)

120 Bewerber interessierten sich für Konrad Bitterlis Stelle. (Bild: Benjamin Manser)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Aufbruchsstimmung herrschte, als der 29-jährige Student der Kunstgeschichte Konrad Bitterli 1989 seine 50-Prozent-Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstmuseum St. Gallen antrat. Zwei Jahre zuvor war das Kunstmuseum wiedereröffnet worden, nachdem es 17 Jahre geschlossen gewesen war. Konrad Bitterli erinnert sich: «Alles war offen. Das Museum hatte praktisch keine Geschichte. Wir konnten es programmatisch neu positionieren und ihm ein eigenes Profil verleihen.»

Eine ähnliche Aufbruchsstimmung wie vor 27 Jahren in St. Gallen macht Konrad Bitterli heute in Winterthur aus. Nach langwierigen politischen Diskussionen steht dort endlich das neue Museumskonzept: Kunstmuseum, Museum Oskar Reinhart und später die Villa Flora werden unter dem gemeinsamen Dach des Kunstvereins Winterthur zusammengeführt. Als neuer «Supermuseumsdirektor» wird es Konrad Bitterlis Aufgabe sein, dieses Konzept umzusetzen: «Die Vorfreude überwiegt den Respekt vor der grossen Herausforderung – vor dem Hintergrund der bedeutenden Winterthurer Sammlungen», sagt Bitterli. Bereits auf Anfang Januar hat er die Leitung des Museums Oskar Reinhart übernommen, vom 1. Juli an ist er Direktor des Kunstmuseums Winterthur. Noch bis Ende März ist er in St. Gallen in einem Teilzeitpensum tätig.

Aussenminister und Scout

Nach 27 Jahren endet also die Ära des «Traumteams» Konrad Bitterli und Roland Wäspe. «Was die beiden für ein Museum dieser Grösse erreicht haben, ist beachtlich», sagt der St. Galler Künstler Bernhard Tagwerker. Konrad Bitterli sieht in der jahrelangen personellen Kontinuität nur Vorteile. Dadurch habe man das Vertrauen von Sammlern und Sponsoren gewinnen können. Dies sei für den Ausbau der Sammlung entscheidend gewesen: «Wichtige Werke werden mit grosser Regelmässigkeit von privater Seite gestiftet.» Häufige Wechsel in der Leitung eines Hauses seien in dieser Hinsicht desaströs. Nicht, dass es an Möglichkeiten für eine berufliche Veränderung gemangelt hätte: «Wir hatten beide mehrfach Gelegenheit, an grösseren Häusern zu arbeiten», sagt Museumsdirektor Roland Wäspe. Aber sie hätten sich gegenseitig darin bestärkt, an ihren Zielen für die Sammlung weiterzuarbeiten. Die Zusammenarbeit mit seinem Kollegen bezeichnet er als «absolut grossartig und singulär in der Schweizer Museumslandschaft». Sie hätten gemeinsam an Ausstellungskonzepten gefeilt und einander aufrichtig auf Schwachpunkte hingewiesen: «Wir liessen uns gegenseitig nichts durchgehen.»

Was unterscheidet die zwei Kuratoren voneinander? «Ich bin emotionaler und ein entschiedener Querdenker», sagt Bitterli. Beide verbindet ein starkes Interesse an konzeptioneller Kunst. Bitterli war der «Aussenminister» im Leitungsteam. Sein Ehrgeiz sei es gewesen, pro Jahr ein bis zwei Primeurs ins Museum zu bringen – das heisst, Künstler auszustellen, deren Werke noch nie zuvor in der Schweiz in einer Einzelausstellung zu sehen waren, wie beispielsweise spätere internationale Künstlerpersönlichkeiten wie Candice Breitz oder Yael Bartana. «Er ist ein richtiger Scout», sagt Roland Wäspe über den Kollegen. Er sei hautnah am Puls der zeitgenössischen Kunst, erkenne aktuelle Themen und verfüge über eine aussergewöhnliche Sensorik.

Der Kurator im Dienst der Künstler

Zu Konrad Bitterlis Stärken zählen auch die thematisch ausgerichteten Sammlungsausstellungen, mit so ungewöhnlichen Titeln wie «Home! Sweet! Home!» oder «The Dark Side of the Moon». Darin verknüpfte der Kurator Epochen auf überraschende Weise, zum Beispiel Impressionismus und monochrome Malerei der Gegenwart, indem er Claude Monet Olivier Mosset gegenüberstellte. Bitterli sagt stolz: «In der Schweiz waren wir es, die solch eigenwillige Sammlungsausstellungen erfunden haben.»

Konrad Bitterli verlässt St. Gallen mit einem lachenden und einem weinenden Auge: «Ich hatte das Privileg, mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten.» Höhepunkte waren für den Kurator die Ausstellung mit Lawrence Weiner 1994, Phyllida Barlows Schau in der Lokremise 2015 oder die allererste Einzelausstellung von Pipilotti Rist vor über zwanzig Jahren. Seither zählt sie Bitterli zu ihren Lieblingskuratoren. Auch Bernhard Tagwerker, dessen Werkkatalog Bitterli verfasst hat, kann nur schwärmen von dessen Enthusiasmus und enormem Engagement: «Ich bin in seinem Fanclub. Er gibt den Künstlern, was sie brauchen.»

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