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Was ist mit «Chris the Swiss»passiert?
Spurensuche im Balkankrieg

Im herausragenden Film «Chris the Swiss» ergründet Regisseurin Anja Kofmel die Ermordung ihres Cousins, des Kriegsreporters Chris Würtenberger, während des Balkankriegs.
Lory Roebuck
Szenebild aus "Chris the Swiss" von Anja Kofmel. (Bild: First Hand Films)

Szenebild aus "Chris the Swiss" von Anja Kofmel. (Bild: First Hand Films)

Warum warf sich ein junger Mann, der in der friedlichen Schweiz aufgewachsen war, mitten in den blutigen Bürgerkrieg auf dem Balkan? Diese Frage steht im Zentrum des Dokumentarfilms «Chris the Swiss». Es ist eine Frage, die die 36jährige Zürcher Filmemacherin Anja Kofmel seit 25 Jahren beschäftigt.

Denn der junge Mann, Chris Würtenberger, war Kofmels Cousin. Chris arbeitete als Journalist, als er im Jahr 1991 ins heutige Kroatien reiste, um dort von der Front zu berichten. Am 7. Januar 1992 wurde er an der serbischen Grenze ermordet aufgefunden – eingekleidet in der Uniform einer internationalen Söldnerbrigade.

Als die tragische Nachricht die Familie in der Schweiz erreichte, war Anja Kofmel zehn Jahre alt – und mit diesem zehnjährigen Mädchen beginnt auch «Chris the Swiss». In einer träumerischen Animationssequenz steht es mit grossen Augen auf einem weiten Feld. «In jener Nacht begann ich in meinen Träumen nach Chris zu suchen», hören wir Kofmels Stimme aus dem Off sagen. «Seine Geschichte würde mich nicht loslassen.»

Trauma nie verarbeitet

Was ist damals geschehen? Kofmel will das verstehen und geht mit ihrem Film auf Spurensuche. Sie interviewt Kriegsjournalisten, die in Zagreb mit Chris gearbeitet hatten, andere Söldner von damals, aber auch die Familie von Chris, die das Trauma nie richtig verarbeiten konnte. «Keine Geschichte, kein Foto ist es wert, sein Leben dafür zu riskieren», sagt Chris’ Bruder im Film vorwurfsvoll.

«Chris the Swiss» wechselt zwischen solchen real gefilmten Interviews und animierten Szenen ganz in Schwarz-Weiss, die einen Einblick in Chris’ letzte Tage gewähren. Zu hören sind dabei auch die kritischen Gedanken von Chris (gesprochen von Joel Basman) über die Profitgier der Waffenverkäufer oder über die mediale Kriegspropaganda. Als Grundlage dafür dienten Kofmel die Notizhefte von Chris – aus denen die letzten paar Seiten herausgerissen sind.

Wurde er umgebracht, weil er auf eine heikle Geschichte gestossen war? Weil er zu kritische Fragen stellte? Es ist eine von mehreren Thesen, denen Kofmel in ihrem Film nachgeht. Eine andere, abenteuerlichere, äussert der als Carlos der Schakal bekannte Terrorist: «Chris arbeitete als Spion für den Schweizer Geheimdienst.»

Carlos’ Name war in Chris’ Tagebuch eingetragen; dass Kofmel mit dem Mann, der in einem französischen Hochsicherheitsgefängnis hockt, ein Telefoninterview durchführen konnte, ist eine kleine Sensation.

Die Regisseurin, die immer wieder selbst vor der Kamera steht, beweist im Filmverlauf eine ähnlich investigative Ader wie ihr Cousin. In einer Szene etwa recherchiert sie den Namen des Kellners auf einem Beleg für zwei Kaffees, die Chris vor 27 Jahren für sich und einen Unbekannten bezahlt hatte.

Kofmels filmische Spurensuche ist in vielerlei Hinsicht herausragend. Zum einen, weil sie mit «Chris the Swiss» filmisches Neuland betritt. Im Genre des sogenannten Animadok bewegen sich selbst ausserhalb der Schweizer Filmbranche nur wenige; der israelische Regisseur Ari Folman etwa, der 2008 für «Waltz with Bashir» mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Doch Kofmel geht bei ihrer virtuosen Vermischung von Dokumentation, Animation und Fiktion einen Schritt weiter.

«In den Abgrund geblickt»

Das musste sie, anders liesse sich dieser Stoff kaum verfilmen. Denn was Kofmel inhaltlich vollführen muss, ist eine heikle Gratwanderung zwischen objektiver Recherchearbeit und subjektiver Vergangenheitsbewältigung. Sie meistert diese mit Bravour – indem sie sich zur Protagonistin ihres eigenen Filmes macht und sich dabei von ihrer journalistischen Spürnase als auch von emotionalen Kindheitseindrücken leiten lässt.

Die Regisseurin legt die Lupe über ein Familientrauma und vermittelt ernüchternde Einblicke in den Ausnahmezustand Krieg. Vor dem Hintergrund, dass auch heute wieder junge Männer nach Osten in den Krieg ziehen, wirkt «Chris the Swiss» erschreckend aktuell. Dabei hatte Kofmels Cousin festgestellt: «Ich sehe Menschen auf beiden Seiten des Konflikts, und die sind gar nicht so anders.»

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