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TV-Serien: Dem Hype folgt Ernüchterung und die grosse Masslosigkeit

Streaminportale wie Netflix locken ihre Nutzer mit riesiger, jederzeit verfügbarer Film- und Serienauswahl. Doch die schöne neue Fernsehwelt hat ihre Schattenseiten - Übersättigung macht sich breit.
Katja Fischer De Santi

Seit fünf Jahren kann man den Video-Streamingdienst Netflix in der Schweiz abonnieren. Fünf Jahren in denen das Serienschauen endgültig vom Trash zur grossen Kür erhoben wurde. «Stranger Things», «Narcos», «The Crown» oder «House of Cards» heissen die süchtig machenden Eigenproduktionen, mit denen der Streaminggigant seine 130 Millionen Abonnenten weltweit an die Empfangsgeräte fesselt.

Kommaglotzen bis zum Morgengrauen

Der wichtigste Faktor des Erfolgsmodells: Es sind nicht einzelne Episoden, sondern jeweils ganze Staffeln, welche aufs Mal verfügbar sind. Jederzeit, an jedem Ort, auf jedem Gerät, Internetempfang vorausgesetzt. Netflix hat die alte TV-Welt auf den Kopf gestellt. Sendezeiten hat das Unternehmen abgeschafft, stattdessen ein televisionäres All-you-can-see-Buffet ab zwölf Franken pro Monat aufgestellt. Und dieses Buffet ist übervoll. Binge-Watching, also das Schauen ganzer Serienstaffeln am Stück, auch mal über vier bis sechs Stunden, gehört da mit zum Konzept, will man nur einen Teil des Angebots sehen. Der Vorfreude auf die nächste Folge der Lieblingsserie ist eine gierige Masslosigkeit gewichen. Fünf Jahre nach dem Hype macht sich nun erstmals Ernüchterung breit. Die schöne neue Streaming-Welt beginnt an Glanz zu verlieren.

Das Überangebot verursacht Völlegefühl

Konnte man sich noch vor zwei Jahren problemlos jede Eigenproduktion des Dienstes anschauen, ist das heute nur noch möglich, wenn man sich ein paar Extratage im Kalender freischaufelt. Zudem versuchen immer mehr Produzenten auf den Serien-Zug aufzuspringen. Amazon Prime, Sky, aber auch klassische Fernsehstationen produzieren anspruchsvolle Mehrteiler am Laufband. Bis Ende Jahr will alleine Netflix 700 neue Eigenproduktionen oder exklusiv lizenzierte Inhalte anbieten. 2018 sollen 80 Filme und Serien gedreht werden. Auch wenn Netflix dafür acht Milliarden Dollar ausgeben will (mehr als jedes Hollywood-Studio), so ist fraglich, ob bei so viel Quantität die Qualität an Drehbüchern, Regisseuren und Schauspielern überhaupt noch zu halten ist.

Immer öfters werden Serien nach dem Trial-and-Error-Prinzip produziert. Was nicht sofort läuft, wird sofort wieder abgesetzt. Die Übersicht hat niemand mehr. Das Überangebot steigert bei den Nutzern nicht den Appetit, sondern verursacht Völlegefühl schon vor dem ersten Bissen. Schon so manch gemütlicher Serienabend ist an der zeitaufwendigen Auswahl gescheitert. Dann halt doch lieber den «Tatort» einschalten.

Die Einsamkeit vor dem Bildschirm

Für Streamingportale gibt es nicht die breite Masse. Serien und Filme werden massgeschneidert für viele verschiedene Zielgruppen produziert. Das Resultat: Sie schaut im Bett «The Crown», er auf dem Sofa «True Detective», die Tochter auf dem Smartphone «Haus des Geldes». Der Fernseher ist schon lange kein Lagerfeuer mehr vor dem sich die Familie am Samstagabend versammelt, aber jetzt fehlt auch noch der gemeinsame Gesprächsstoff in der Mittagspause. Diskussionen über den Inhalt von Serien sind praktisch unmöglich geworden. Der masslose Konsum führt zudem dazu, dass man sich kaum mehr erinnert, was man alles geschaut hat. Die gefeierte Demokratisierung des Fernsehens hat seine Zuschauer einsamer gemacht.

In der seriellen Endlosigkeit gefangen

Was wurden die neuen, qualitativ hochstehenden Serien gefeiert. Als «besseres Kino», als «Romane des 21. Jahrhunderts» beschrieben, weil sie komplexe Storys erzählen, Figuren und Spannung über mehr als nur zwei Stunden aufbauen. Plötzlich produzierten Regisseure wie die Coen-Brüder oder David Fincher Serien. Doch Serien haben einen entscheidenden Nachteil: sie werden nie richtig fertig. Als Zuschauer bleibt man in einem Dauer-Cliffhanger gefangen. Die Story wird von Staffel zu Staffel dünner, dafür werden die Nebenfiguren immer zahlreicher, die Wendungen abstruser. Qualitativ hochstehende Serien wie «True Detective», «Mad Man» oder «Orange Is The New Black» wurden zu Opfer ihres eigenen Erfolgs. Statt eines furiosen Finals gibt es ein Schrecken ohne Ende. Es ist wohl kein Zufall, dass Netflix immer mehr Filme dreht. In zwei Stunden lassen sich grossartige, aufs wesentliche konzentrierte Geschichten erzählen - und man kommt danach sogar vor Mitternacht ins Bett.

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