In der Kunst heisst aargauisch auch global

Grossformate und Raumgreifendes besetzen an der «Auswahl 19» der Aargauer Kunstschaffenden das Aargauer Kunsthaus. Die Jahresausstellung wirkt sehr heutig und sehr selbstbewusst.

Sabine Altorfer
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Hochaktuell und imponierend gross: die Tuschezeichnung «Stadtguerilla» von Pat Noser. (Bild: Aargauer Kunsthaus)
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Malerischer Knaller: Urs Aeschbachs «Grüne Grenze Südwest». (Bild: Aargauer Kunsthaus)
Wie ein stilles, filmisches  Tagebuch über ein anderes Amerika mutet Erich Busslingers Projektion «Fourteen Images» an. (Bild: Aargauer Kunsthaus)
Witzig: «DIY», Do-it-Yourself-Sexspielzeuge von Lorenz Olivier Schmid. (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Hochaktuell und imponierend gross: die Tuschezeichnung «Stadtguerilla» von Pat Noser. (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Mit einem Knall fürs Auge startet die Schau. Grün oder violett? Silbrig oder schwarz? Wohin blickt man zuerst? Die Eigenheit der diesjährigen «Auswahl» zelebriert Kuratorin Simona Ciuccio schon im ersten grossen Raum oberhalb der Treppe: «Grossformate prägen diesen Jahrgang.»

Den tollen Auftakt verdankt man vier altbewährten Kräften: Max Matter füllt eine Wand mit grün-orange-gelben eingeimpften Japanpapier-Rollen ‑ ein so fröhlicher wie subtiler Augenschmeichler. Ein Waldfragment in brutalem Violett mit grünen Fremdkörperwucherungen von Urs Aeschbach, stellt sich dem entgegen. Geradezu angsteinflössend wirken Annette Barcelos fünfzehn Varianten der «Schwarzen Hunde von Alcudia». Die Zähne bleckenden, an Ketten reissenden Tiere, umrissartig in schwarzer Kohle gemalt, erzählen eine schaurige Geschichte. Auge und Gemüt dürfen sich danach in den drei metallischen Ellipsen von Bildhauer Jürg Stäuble mit ihren Horizontlinien erholen - allerdings auf die Gefahr hin, dass man sich in ihnen sowohl fixieren wie verlieren kann.

50 Positionen füllen 22 Räume

Die Jahresausstellung der Aargauer Künstlerinnen und Künstler ist alljährlich ein Schaufenster für das einheimische Schaffen. Wer hier lebt, arbeitet oder präsent ist, kann sich bewerben. Zusätzlich kann man beim Aargauer Kuratorium um einen Werkbeitrag eingeben. Insgesamt 190 Kunstschaffende haben ihre Dossiers eingereicht. 50 wurden von den beiden Jurys ausgewählt. «Ja, wir waren streng», sagt Simona Ciuccio. «Aber wir wissen, dass wir mit 50 Werken und Werkgruppen die Räume füllen.» Zwei ganze Geschosse hat sie zur Verfügung. Der Bezug zur Region sei wichtig, sagt die scheidende Direktorin Madeleine Schuppli bei ihrer zwölften und letzten Jahresausstellung. «Die Region ist der Humus, ist die Basis für unser Haus.»

Was fällt auf? Bei den Grossformaten im klassischen Bildformat: Stefan Tschumis so witzige wie gekonnte digitale Pattern-Malerei und Beat Zoderers farbstarke «Hommage an Henri Rousseau». Bei den raumgrossen Projektionen: Das Making off über seinen Malprozess von Rolf Winnewisser und die unwirtlichen, von Heroin getränkten Räume von Gianluca Trifilo. In der Kategorie Tüfteln und Basteln: praxisuntaugliche Sexspielzeuge von Lorenz-Olivier Schmid, wundersam, abstrakte Holzschnitte auf Samt von Cédric Eisenring und wie Agatha Zobrist Ketchup und Rosinen kunsttauglich macht. Skulptural überraschen die textilen Zungen von Géraldine Honauer und die 19 Variationen einer Schutzmantelmadonna von Christina Frey.

150 000 Franken für 7 Kuratoriumsbeiträge

«So viel fördern wie möglich, ist mein Anliegen und Prinzip», sagt Susanne König, die erstmals die Jury des Aargauer Kuratoriums leitete. Das Budget von 150000 Franken für die Beiträge wurde denn auch voll ausgeschöpft. Die sieben Beiträge decken die ganze Breite heutiger, künstlerischer Arbeit. Leider kann man als Besucherin nicht nachvollziehen, wie die Jury gearbeitet hat, die nicht prämierten Arbeiten sind nämlich nicht gekennzeichnet. Gesellschaftskritisches, Internet-Ästhetik und Neue Medien hat die Jury goutiert. Pat Nosers hochaktuelle, dystopische Tuschezeichnung der «Stadtguerilla», Stefanie Knobels marionettenhafte Gymnastik-Frau und der Science-Fiction-Schönheitssalon des Duos Isabell Bullerschen und Félicia Eisenring belegen das. Auch mit Malerei kann man beim Kuratorium punkten: So schön wie abgründig sind die dunkeltonigen Interieurs von Helena Wyss-Scheffler, dem Potenzial von Weiss spürt Oliver Krähenbühl nach. Warum Ester Vonplon für ihre technisch und ästhetisch überzeugenden Blow-Up-Fotogramme lediglich einen niedrigeren Förderbeitrag bekommt, ist aber schwer nachvollziehbar ‑ gerade auch im Vergleich zu den Pastellen von Kathrin Kunz.

Typisch Aargau ist Fehlanzeige

Man kann die fünfzig Positionen nach Techniken, Themen oder Tiefsinn kategorisieren. Aber nicht nach typisch Aargau. Die Kunst ist auch hierzulande längst in der internationalisierten Jetztzeit angekommen ‑ mal abgesehen von den oft bescheidenen Preisen der meist verkäuflichen Werke. Nomadisierende Künstlerinnen und Künstler bringen ihre Bilder von Reisen nach Hause: Erich Busslinger ruhige, tagebuchartige Videosequenzen eines anderen Amerika oder Dominic Michel einen Springbrunnen aus Seattle. Er bekommt für seine ziemlich romantisch anmutende Kombination von Musik und Projektion den NAB-Förderpreis. Kunst ohne Internet und digitale Instrumente ist sowieso undenkbar: Stephan Brühlharts VR-Theater, Dunja Herzogs Kupfer-Recherchen oder Jodok Wehrlis unterhaltsamer Bildersampler belegen das eindrücklich.

Auswahl 19 Aargauer Kunsthaus, bis 5. Januar.
Vernissage: Freitag, 15. November, 18 Uhr.

Auszeichnungen

 Aargauer Kuratorium Werkbeiträge je 30000 Franken:

Stefanie Knobel, Zürich

Kathrin Kunz, Möhlin

Pat Noser, Biel

Helena Wyss-Scheffler, Würenlos

Aargauer Kuratorium Förderbeiträge je 10000 Franken:

Isabell Bullerschen und Félicia Eisenring, Aarau

Oliver Krähenbühl, Suhr

Ester Vonplon, Castrisch

NAB Förderpreis, 10000 Franken

Dominic Michel

Preis der Jury, Einladung als Gast 2020:

Jodok Wehrli