Aargauer Kultur
Das kleine Aargauer Operettenwunder

Wer bei der Operette «Der Ehemann vor der Tür» ein Schwank erwartet, den belehrt das Fest der Künste «Wilhelmina» auf Schloss Hallwyl eines besseren.

Christian Berzins
Drucken
Teilen
Ein schlichtes, stimmungsvolle Ambiente für einetolle Aufführung auf Schloss Hallwyl.

Ein schlichtes, stimmungsvolle Ambiente für eine
tolle Aufführung auf Schloss Hallwyl.

Martin Dominik Zemp / wilhelmina

Wer die Handlung liest, ist einmal mehr davon überzeugt, dass Oper blöd, Operette geradezu saublöd ist. Und dann kommt da ein Regisseur wie Walter Küng daher, malt einen Strich, setzt ein Punkt, lenkt da etwas nach rechts, dort nach links – und macht sich auch noch gleich zum Strippenzieher. Und siehe da - Fanfare her, taratatataaa!: Fertig ist das kleine Aargauer Operettenwunder.

Von vorn. Innerhalb von «Wilhelmina», dem Fest der Künste auf Schloss Hallwyl, der Nachfolgeveranstaltung der unsanft beerdigten «Oper Hallwyl», führt man die Operette «Ein Ehemann vor der Tür» von Jacques Offenbach auf. Jenem Komponisten, der die Bühnen von Paris in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit bissigbösen Parodien erfreute. Wer die Handlung von «Ein Ehemann vor der Tür» liest, merkt oder hofft: Da muss mehr drin sein als eine lustige Geschichte.

Von einem Ehebett ins andere?

Ein gewisser Florian Specht ist auf der Flucht, da er mit einer verheirateten Frau im Bett erwischt wurde. Er schafft es in irgendein Haus, wo er auf Susanne trifft, die mit ihrer Zofe die eigene Hochzeit verlassen will, da ihr Ehemann ihr auf die Nerven ging. Da klopft auch schon der Ehemann an die Tür…Natürlich darf er nicht hinein, schöpft Verdacht, steht alsbald da…Und dann wird alles gut?

Regisseur Walter Küng weiss, dass dem nicht so ist. Schon wenn er als Tafelmajor die Gäste am Schlosstor empfängt, mag man denken, dass seine Worte «Willkommen zur Hochzeit von Susanne und Martin» Schalmeien sind. Das Publikum wird zur Hochzeitsgesellschaft, und tanzt im wahrsten Sinn des Wortes nach der Pfeife dieses Mannes. Später erahnen wir, dass er wohl ein Bruder im Geiste von Don Alphonso ist, dem zynischen Philosophen aus Mozarts «Così fan tutte», der zwei glückliche Paare in den Abgrund treibt.

Wer kommt denn in Schwarz zu einer Hochzeit?

Rasch ist klar, dass auch hier nichts normal zu- und hergeht. Ist diese Zofe, die so eigenartige Bewegungen vollführt und ganz in Schwarz gekleidet ist (wer kommt in Schwarz zu einer Hochzeit!?), nicht viel eher eine Dämonin? Oder eine innere Stimme von Susanne? Und dieser tattrige Ehemann, der unter einer weissgepuderten Perücke aus dem Schlossfenster Ermahnungen von Gestern ins Heute ruft, gehört er dazu? Ist auch er bloss dazu da, seiner Ehefrau die Augen und das Herz für den Richtigen zu öffnen?

Eine Zofe (Stephanie Pfeffer) und ein Tafelmajor(Regisseur Walter Küng) lenken die Geschicke der unglücklich verheirateten Susanne (Christina Campsall).

Eine Zofe (Stephanie Pfeffer) und ein Tafelmajor
(Regisseur Walter Küng) lenken die Geschicke der unglücklich verheirateten Susanne (Christina Campsall).

Fritz Thut / Lenzburger Bezirksanzeiger

Kaum hat Susanne den Heinrich Heine rezitierenden Schlawiner Florian Specht gesehen, liebt sie ihn – und er sie. Offiziell darf es nicht so sein. Doch wenn im Finale alles seine gewohnte Bahn nimmt und die Ehen nach Vorschriften geschlossen werden sollten, greift der Tafelmajor tatkräftig ein und lässt den Schluss offen. Fast. Beim imaginären Vorhangfall stehen die richtigen Paare beisammen. Der Tafelmajor, die vermeintlich böse Macht, erweist sich als Liebesengel.

Das alles tönt etwas gar gross, ist aber so sanft in diese Operette hineingedacht, dass es keinen stören wird. Neben Walter Küng ist es Andreas Joho, der die Fäden bzw. Saiten zieht: Am Harmonium, bald mit einer Hand an der Celesta zaubert er ein ganzes Orchester ins Schlossrund. Die Sänger und Sängerinnen danken es ihm: Stephanie Pfeffer («Zofe» Rosine) mit herzerfrischend schönen Soubrettenklängen, der hohe Bariton Viktor Rud (Florian Specht) mit prächtig tief grundiertem Tenorsüssigkeiten, Christina Campsall (Susanne) mit charaktervollem Mezzosopran und Alin Anca (Martin Preller) mit schönem Bariton.

Der Applaus ist herzlich und das argwöhnisch beäugte «Fest der Künste» zeigt mit dieser Produktion, dass man durchaus Anspruch auf überregionale Ausstrahlung hegen darf.

Jacques Offenbach: Ein Ehemann vor der Tür, bis 29. 8.

Aktuelle Nachrichten