Jazz
Aargauer Komponist Max E. Keller: ein Urgestein der hiesigen Avantgarde

Der Aargauer Komponist Max E. Keller wird 70 – Hommage an einen provokativen, engagierten Künstler.

Sibylle Ehrismann
Merken
Drucken
Teilen
Max E. Keller in seinem Haus in Winterthur. (Archivbild)

Max E. Keller in seinem Haus in Winterthur. (Archivbild)

Susi Bodmer

Der umtriebige Aargauer Komponist, Querdenker und Jazzmusiker Max E. Keller wird, man glaubt es kaum, siebzig. Ihm zu Ehren gibt es ein Hommage-Konzert, das in mehreren Schweizer Städten aufgeführt wird, und eine Doppel CD mit dem treffenden Titel «Wider-Wege».

Stets auch sozialkritisch

«Wider Wege» sind auch Wege. Sie zu gehen, erfordert jedoch ein hohes Mass an Selbstreflexion, Intelligenz und Risikofreude. Max E. Keller ist ein echtes Urgestein der hiesigen Avantgarde, das mit seiner Musik stets auch sozialkritisch sein wollte, nicht laut polternd, sondern mit poetischer Kraft.

Die kritisch engagierte Haltung Kellers verwundert nicht, stammt er doch aus einer traditionsreichen Aarauer Druckerei-Familie, der heutigen Suter Keller Druck AG, die mit dem Zeitungsdruck auch politische Meinung verbreitete. Eigentlich war vorgesehen, dass Max E. Keller die Druckerei übernehmen sollte, doch er hatte andere Interessen. Stattdessen ging er früh nach Basel, um sich im Freejazz auszutoben und um dort Germanistik und Musikwissenschaft zu studieren. Musik hat er nie studiert, seine künstlerischen Wurzeln liegen beim Jazz und in der Improvisation.

Der Protest gegen soziale Ungerechtigkeit und die Ausbeutung durch die Mächtigen sind für den Komponisten Keller seit je zentrale Themen. Er vertonte anfangs unverblümte politische Proteste, aber auch Zeitungsannoncen und Berichte. Seine Texte waren zuweilen derart provokativ, dass sie ihm in den 1970er-Jahren echte Schwierigkeiten einbrachten. Ein Beispiel dafür ist das Klavierstück «Dreiklang» (1976), das auf der Hommage-CD nun mit ebendem gesprochenen Text drauf ist, den einst Radio DRS bei der Erstaufnahme wegzensuriert hatte.

Hommage-Konzert Max E. Keller zum 70. Geburtstag: musica aperta, jeweils 20 Uhr. Do, 30. März, Ackermannshof Basel; Mo, 3. April, Kunstraum Walcheturm Zürich. CD: streiffzug «hommage» max e. keller. wider-wege.

Sozialpolitisches Engagement

Kellers sozialpolitisches Engagement hat sich von Beginn weg auch in seiner organisatorischen Initiative für die Freie Musikszene gezeigt. 1985 wurde er, der in Winterthur lebt, Präsident des experimentierfreudigen Winterthurer «Theaters am Gleis», das er bis 1993 leitete und wo er Konzerte mit Jazz und mit zeitgenössischer Musik programmierte. Seine «musica aperta»-Konzerte in Winterthur sind bis heute ein Treffpunkt der bedeutendsten Schweizer Avantgarde-Künstler.

Zum Komponieren kam Keller über die Improvisationskonzepte, die er für seine Ensembles schrieb. Viele Ideen, die Keller beim Improvisieren zufielen, wollte er einfach festhalten. Dafür besuchte der eigenwillige Student der Musikwissenschaft bereits 1969 den Kompositionsunterricht bei Hans Ulrich Lehmann. Wie Lehmann schreibt auch Keller eine eher verhaltene, leise Musik, die zum genauen Hinhören auf Details zwingt. Der Klang erfährt dabei feine Veränderungen und Differenzierungen, die Musik entwickelt sich langsam und organisch, ohne einem Konstruktionsschema zu folgen. Verinnerlichte Intensität ist sein Ziel.

Ein vielseitiges Werk

Die Doppel-CD vereint Stücke in verschiedensten Besetzungen und aus allen Epochen. So kann man hier etwa das erste Orchesterstück Kellers hören, «Grundgesetze I» (1976/77) für grosses Orchester und vier Sprecher: ein wuchtig schreitender Grundpuls zieht sich hier durch, einfach, aber farbenreich orchestriert, dazu der anklagend gesprochene Text.

Besonders raffiniert sind die Klavierstücke Kellers, der ja selber Pianist ist. Das «Klavierkonzert in 8 Teilen» mit dem Titel «Das ganze Leben» (1989/90) ist eine fantasievolle, poetisch dichte Abfolge konzertanter Klaviermusik mit origineller Streicherbehandlung. Oder dann das Klavierstück «Mi ricordo» (2014), in dem sich Keller an eine Improvisation aus seiner Jugend erinnert. Ausgangspunkt sind zwei chromatische Linien in Gegenbewegung, daraus entwickeln sich subtil Kontraste und vieltönige Akkorde.

Es ist ein vielseitiges Werk, das Keller vorzuweisen hat, viel Kammermusik für unterschiedlichste Ensemblebesetzungen, Solostücke, aber auch Szenische Werke bis zur Oper – und Konzertantes. In der pulsierenden Grossstadt Berlin fühlt er sich bis heute besonders wohl, dort wird seine Musik auch kontinuierlich aufgeführt. Im aktuellen Hommage-Konzert kann man das neuste Stück Kellers als Erstaufführung erleben. Das Programm umfasst mehrere Stücke für Blockflöten, Stimme und Tonband, in denen er eigene Texte vertont hat.