Musiksommer
Aargaus sommerliche Klassikfestivals wittern frische Morgenluft

Nach dem letztjährigen Aus wegen Corona-Lockdown finden nun die Festivals in Boswil, Solsberg, Niederlenz statt. Die Erleichterung bei den Organisatoren ist gross und einiges kann auch im Livestream miterlebt werden.

Elisabeth Feller
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Cello-Hochburg Aargau: Christoph Croisé, ...
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... Andreas Fleck, ...
... und Sol Gabetta.

Cello-Hochburg Aargau: Christoph Croisé, ...

Pd / Urner Zeitung

Die Vorfreude auf die Sommer-Festivals war 2020 gross. Doch dann legte sich die Pandemie als Schatten über den Boswiler Sommer, das Solsberg Festival und die Niederlenzer Musiktage, die erstmals auf der Landkarte der Aargauer Festivals erscheinen wollten. Deshalb sagt Andreas Fleck:

«Als letztes Jahr das Aus kam, fühlte ich mich, als hätte man mir einige Liter Blut abgezapft»

Der künstlerische Leiter des Boswiler Sommers hatte sich zum 20. Geburtstag des Festivals eine erweiterte Ausgabe ausgedacht, die unterm Motto «Geschenke» stehen sollte, denn: «Musik ist ein Geschenk der Musikerinnen und Musiker an ihr Publikum.» Nun wird der Geburtstag nachgeholt mit Surprisen. Dazu zählt das Konzert mit der Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann, die 2020 nicht hätte kommen können. Heuer klappt’s.

Boswil schlägt den Bogen vom 15. ins 20. Jahrhundert

Wer den Boswiler Sommer kennt, ist stets gespannt auf die seit 2007 eingeführten Mottos. Egal, ob man an einer Party mit Volksmusikbands aus Osteuropa teilnehmen oder «Die letzte Rose» mit White Raven geniessen will: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Was verbinden Boswil-Besucher mit «Souvenir»? Konzerterlebnisse, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Dazu wird vielleicht auch der Abend mit Peter Tschaikowskys «Souvenir de Florence» gehören, das eine Uraufführung kontrastiert. Michael Schneider, ehemals Geschäftsführer des Künstlerhauses Boswil, ist der Komponist eines ursprünglich den Titel «Notturno» tragenden Werks. Daraus ist «Arc» geworden: eine persönliche Annäherung Schneiders an die 35 Abschnitte des berühmten Labyrinths in der Kathedrale von Chartres abbildet. Arc heisst Brücke, womit eine Klangbogen-Brücke vom 15. ins 21. Jahrhundert geschlagen wird.

Solsberg kann man auch im Livestream miterleben

Pandemiebedingt wird bis Ende Mai mit 50, später allenfalls mit 100 Besucherinnen und Besuchern gerechnet. Das ist wenig, bedeutet aber dennoch viel, weil nur eines zählt: Die Konzerte finden vor Publikum statt. Wie sehr dieses nach Liveanlässen dürstet, weiss auch Christoph Müller, künstlerischer Manager des Solsberg Festivals:

«Der Vorverkauf begann am 1. Februar um Mitternacht. Bis 12 Uhr waren bereits 50 Prozent aller Karten verkauft»

Wer keine Tickets ergattern kann, muss nicht verzweifeln. «Jedes Programm gibt es als Livestream. Wir haben einen Youtube-Kanal mit über 40'000 Abonnenten – der grösste Klassik-Kanal der Schweiz.» Weshalb dieses Engagement? «Wir wollen das Publikum mit Kammermusik versorgen und die Konzerte dokumentieren. Sämtliche Rechte bleiben bei uns», und ergänzt: «Wir tun das auch, weil die staatlichen Medien Sendungen mit klassischer Musik immer mehr abbauen.»

Auch in Olsberg wecken die Mottos die Neugier auf Konzerte exzellenter Musikerinnen und Musikern rund um die Cellistin Sol Gabetta. Sie ist für Christoph Müller «eine Jahrhundertpersönlichkeit, die dank ihrem weltweiten Renommee jedes Jahr ein hochkarätiges Festivalprogramm auf die Beine stellen kann und dies in der verträumten Idylle des Violentals im aargauischen Olsberg. Von diesem Zauber lebt Solsberg seit Beginn.»

Endlich auch die ersten Niederlenzer Musiktage

Genau wie Boswil, Olsberg oder Lenzburg mit der Lenzburgiade, ist auch Niederlenz kein Ort, den Auswärtige auf Anhieb auf der Karte finden. Doch wer die unverwechselbaren Festivals entdeckt hat, wird wiederkommen. Das erhofft sich Christoph Croisé – Cellist wie seine Kollegen Andreas Fleck und Christoph Müller – für die ersten Niederlenzer Musiktage. Croisé wälzte die Idee eines (vorerst) dreitägigen Festivals schon lange:

«Ich habe 19 Jahre in Niederlenz gelebt. Also wollte ich für das Dorf etwas tun.»

Deshalb ist der Eintritt frei; es gibt eine Kollekte. Die Musiktage werden mit Liedern von Tschaikowsky, Rachmaninow und Schuberts Streichquintett eröffnet; darauf folgt Electronic Music Open Air mit Balouk. Nie gehört? Croisé lacht: «Balouk ist ein Freund, mit dem ich die Bezirksschule in Lenzburg besucht habe.» Ein bisschen seltsam sei es ja schon, dass bei Electronic Musik das Publikum sitzen müsse, aber die Schutzmassnahmen erforderten dies eben. Auch in Niederlenz setzt man auf Sextett-Klassiker von Brahms und Tschaikowsky. Für Cello-Fans unverzichtbar ist die Matinee mit Duos und Trios für Celli. Nicht zu vergessen: Auch dieses Festival lockt mit einer Uraufführung, Christoph Croisés «Grand Duo». Pläne für 2022? Klar: «Dann werde ich zusätzlich auch noch Jazz- und Barockmusiker einladen.»

Solsberg Festival: 27. Mai–6. Juni
Niederlenzer Musiktage: 28.–30. Mai.
Boswiler Sommer: 23. Juni–4. Juli.