Montagsinterview
Aargauer Erfolgs-Regisseurin Petra Volpe: «Bis zum Oscar ist es ein sehr, sehr langer Weg»

Eine Filmerin im Hoch: Mit «Die göttliche Ordnung» begeistert Petra Volpe das Publikum, ihr Drehbuch führte «Heidi» zum Erfolg. Nun erhält die gebürtige Aargauerin den Kulturpreis der AZ Medien 2017. Kommt nun ihr internationaler Durchbruch?

Sabine Altorfer
Merken
Drucken
Teilen
Petra Volpe geniesst den Erfolg. «Nur das Arbeiterkind in mir fragt sich manchmal bange: Hört das mal auf?»

Petra Volpe geniesst den Erfolg. «Nur das Arbeiterkind in mir fragt sich manchmal bange: Hört das mal auf?»

Nadja Klier

Unter welcher ihrer vielen Telefonnummern erreiche ich Petra Volpe? Mit der Berliner klappts. «Was, ich bekomme den Kulturpreis der AZ Medien?! Wunderbar! Wie wird sich meine Mutter in Suhr freuen!» Sie sei gerade auf dem Sprung nach New York zu ihrem Mann. Später mailt sie, sie sei «noch ganz aus dem Häuschen». Preise zu bekommen, ist ihr selbst nach 15 Jahren als Filmerin immer noch neu. Ruhig und sehr überlegt wirkt sie beim telefonischen Interview – und spricht ausnahmsweise gar über Privates.

Petra Volpe, Sie leben in Berlin und New York, bekommen den Kulturpreis der AZ Medien mit Sitz in Aarau. Das mag Aussenstehende überraschen, Sie auch?

Überrascht hat es mich schon! Und sehr, sehr gefreut. Aber wenn man im Aargau geboren und aufgewachsen ist, hat man immer etwas Aargau in sich (lacht). Ich bin in Suhr aufgewachsen, meine Mutter kommt von dort, lebt dort.

Wirkt sich diese Herkunft, die Jugend in Aarau heute noch auf Ihr Leben aus?

Das Milieu meiner Herkunft, die dörfliche Welt in Suhr prägt bis heute mein Schaffen. Wenn ich Geschichten, Drehbücher schreibe, arbeite ich mich immer irgendwie an der Schweiz ab.

Zum Beispiel?

In einem Dorf wird viel beobachtet und kommentiert, was die anderen machen. Mein Onkel hatte eine Bäckerei, deshalb kannte man uns gut und wir standen unter besonderer Aufmerksamkeit. Diese eng verflochtene Dorfgemeinschaft, in der man nicht auffallen wollte, nicht herausstechen durfte, hat mich stark geprägt.

Die Regisseurin Petra Volpe plant schon lange einen Dokumentarfilm über ihren Vater, einen italienischen Gastarbeiter. Aber weil das Thema so persönlich ist, kommt sie einfach nicht zum Abschluss. (Archivbild)

Die Regisseurin Petra Volpe plant schon lange einen Dokumentarfilm über ihren Vater, einen italienischen Gastarbeiter. Aber weil das Thema so persönlich ist, kommt sie einfach nicht zum Abschluss. (Archivbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Aber Sie wollten Filmerin werden, das war doch ein Entscheid, herausstechen zu wollen!

So einfach und so schnell ging das nicht. Als ich meiner Familie gesagt habe, dass ich etwas Kreatives lernen will, kamen Vorschläge wie Konditorin oder Coiffeuse. Während der Handelsschule an der Kanti war ich dann in der Theatergruppe, im Filmclub und habe angefangen, zu fotografieren.

Und im Filmclub haben Sie gedacht: Das ist es?

(lacht) Nein! Im Filmclub waren die coolen Jungs, die alles über Film wussten, denen hat man das zugetraut. Dass ich Filme machen könnte, konnte ich mir damals nicht mal vorstellen. In unserer Familie waren Kunst und Kultur kein grosses Thema, meine Eltern waren Büezer, mein Grossvater Bäckermeister, meine Grosseltern väterlicherseits Bauern. Als ich angefangen habe, mich mit Kunst zu beschäftigen, hat die Familie sich eher Sorgen um mich gemacht. Aber jetzt sind alle sehr stolz.

Trotzdem sind Sie dann an die Kunstschule.

Ich wollte eine Lehre als Fotografin machen, aber als Mädchen habe ich keine Lehrstelle bekommen, weil man eine zu schwere Ausrüstung schleppen müsse. Dann ich bin ich an die F+F Kunstschule in Zürich, in die Fotoklasse gegangen. Ich habe dort experimentelle Videos gedreht. An einem Workshop sagte mir ein Produzent: Wenn du einen Kurzfilm machen willst, melde dich.

An diesen Frauen führt am Schweizer Filmpreis in diesem Jahr kein Weg vorbei: "Die göttliche Ordnung"-Hauptdarstellerin Marie Leuenberger, Regisseurin Petra Volpe und Nebendarstellerin Rachel Braunschweig. (Von links, Archivbild)

An diesen Frauen führt am Schweizer Filmpreis in diesem Jahr kein Weg vorbei: "Die göttliche Ordnung"-Hauptdarstellerin Marie Leuenberger, Regisseurin Petra Volpe und Nebendarstellerin Rachel Braunschweig. (Von links, Archivbild)

Keystone/MARCEL BIERI

Das war ...?

... Samir. Erst damals wurde mir klar: Film ist das Richtige für mich! Mit 27 habe ich die Filmschule in Potsdam begonnen. Aber ich wurde nicht für Regie, sondern für Drehbuch aufgenommen. Ich hab dann trotzdem vier Filme gedreht.

Mit 28 haben Sie Ihren ersten Kurzfilm gedreht «Mia Nonna tutto zucchero» über Ihre italienische Grossmutter.

Genau! (lacht) Wir sind in die Schweiz gekommen, hatten 4 Rollen 16mm-Material – für 17 Minuten! Aber Regie hat eigentlich meine Nonna geführt, sie hat bestimmt, was wir drehen sollen.

Die Nonna ist nicht Ihr einziger Familienbezug in Ihrem Schaffen. 2009 kam «Frühling im Herbst» über eine Bäckersfrau. Findet man Bezüge zu Ihrer Herkunft auch in Ihrem neuesten Erfolgsfilm «Die göttliche Ordnung»?

Graziella, die italienische Wirtin, ist von meinem Vater inspiriert. Er kam in den 60er-Jahren als italienischer Gastarbeiter in die Schweiz, lernte hier meine Mutter kennen. Seine Erfahrung, in ein fremdes Land zu kommen, Misstrauen zu spüren, habe ich aufgenommen. Und der autoritäre Grossvater im Film ist von meiner Grossmutter inspiriert. Ihr entbehrungsreiches, ärmliches Leben im Berner Oberland hat sie selber hart gemacht.

«Die göttliche Ordnung» über das Frauenstimmrecht spielt 1971. Sie haben Jahrgang 1970, erzählen über eine Ihnen unbekannte Zeit. Was war Ihnen so wichtig daran?

Als politisch denkende Frau ist mir das Thema Gleichberechtigung, Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sehr wichtig. Das Thema begleitet mich seit meiner Kindheit: Meine Mutter war zwar nicht unterdrückt, aber sie hat mit der Rolle als Mutter und Hausfrau auch immer wieder gekämpft, meine italienische Grossmutter war in einer unglücklichen Ehe gefangen.

Gab es bei den Recherchen über die Abstimmung etwas, was Sie völlig überrascht hat?

Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass so viele Frauen gegen das Frauenstimmrecht waren. Ich hatte die Gegner bei den Männern erwartet und staunte über diese Antisuffragetten. Diese meist bürgerlichen, gebildeten Frauen – Anwältinnen, Ärztinnen, oft gut verheiratet und mit Geld – haben die alte Ordnung mit Zähnen und Klauen verteidigt. Wie die Firmenchefin im Film.

Man spürt bei Ihnen viel Herzblut bei diesem Thema. Aber ich habe gehört, die Idee für den Film stamme von Ihrem Produzenten Reto Schäerli.

(lacht) Ja, das stimmt, hat aber eine Vorgeschichte. In meinen Filmen geht es irgendwie immer um Frauen, die sich befreien ... selbst bei «Heidi». Reto und ich brainstormen viel über mögliche Themen, dabei meinte er mal: Eigentlich müsste man einen Film über das Schweizer Frauenstimmrecht machen. In dem Moment habe ich mich furchtbar aufgeregt, dass es mir nicht selber eingefallen ist. Natürlich! Aber ich hatte auch Angst, es falsch zu
machen, gerade weil es ein so wichtiges Stück in der Geschichte vieler Frauen ist.

Wie kamen Sie von den Fakten zur Geschichte dieser Nora in Appenzell?

Das ist ein sehr langer Prozess, es braucht viel Recherche und Gespräche. Irgendwann entstehen Figuren, eine Geschichte, die Perspektive. Ich wollte eine einfache Geschichte, keine Geschichtslektion, eine Hauptfigur, die eine Entwicklung durchmacht. Ich wollte auf sinnliche Weise etwas über die Zeit erzählen, aber eine Figur, mit der man sich heute noch identifizieren kann.

Welche Aussage wollten Sie denn transportieren?

Auf der tieferen dramatischen Ebene geht es darum, dass diese Frau merkt, dass Politik mit ihrem Leben zu tun hat. Sie entwickelt sich von einem unpolitischen zu einem politischen Menschen. Das ist nach wie vor aktuell.

Haben Sie geahnt, wie viel Erfolg Ihr Film haben wird? Er hat in der Schweiz über 250 000 Eintritte, ist nahe an den Top Ten der ewigen Schweizer Filmhitparade.

Wir haben auf viel Publikum gehofft – wie immer. Aber der Erfolg in den Schweizer Kinos, mit drei Schweizer Filmpreisen und jetzt noch drei Preisen am Tribeca Festival in New York ist überwältigend. Das übertraf meine wildesten Träume.

Aus Cannes habe ich gehört, dass er auch international verkauft wurde ...

... ja, in diverse Länder. Und wir stehen kurz vor einem Deal mit den USA.

Ist es nicht erstaunlich, dass ein Film über ein Stück Schweizer Geschichte international funktioniert?

Nein, das ist kein Zufall. Es war von Anfang an mein Ehrgeiz, einen Film zu machen, der lokal verankert ist, aber eine universelle Komponente besitzt. Der fürs Inland wie fürs Ausland funktioniert.

Ihr letzter Film «Traumland», der sowohl im Prostituierten- wie im Bünzli-Milieu spielt, war sehr eindringlich, machte aber wenig Eintritte. Was haben Sie bei «Göttliche Ordnung» besser gemacht?

Ich glaub, die Filme lassen sich schwer vergleichen. Für den Schweizer Arthouse-Bereich lief «Traumland» mit rund 10 000 Eintritten eigentlich gut. Er ist düster und schwer, er muss so sein, aber das schreckt die Leute ab. Bei der «Göttlichen Ordnung» geht es um eine nationale Angelegenheit, und es endet gut. Das mag das Publikum.

Und trotz der ernsten Geschichte lacht man oft herzhaft ...

... man kann lachen, sieht eine Figur mit Zivilcourage, solidarische Frauen – also lauter positive Energie. Das gibt den Leuten Kraft und macht Mut, für die Demokratie zu kämpfen. Das brauchen wir heute.

Ein Leitthema in Ihrem Schaffen und Leben sind Heimat und Fremde. Ihr Vater und Ihre Grossmutter sind emigriert, nun auch Sie nach Berlin, New York. Warum?

Ich wollte schon immer weg und in der Welt zu Hause sein. Vielleicht ist das typisch für mich als Tochter eines Migranten. Man sagt ja, Migrantenkinder setzen die Reise ihrer Vorfahren oft weiter. New York ist mein neues Daheim, aber ich bleibe Schweizerin, und so führen mein amerikanischer Mann, Thierry Breyette, und ich manchmal kleinere Kulturkämpfe.

Zu Ihrem neuen Leben gehören auch die zwei Kinder Ihres Mannes. Wie war es, plötzlich eine Mutterrolle zu bekommen?

Überraschend. (lacht) Kinder zu haben, war für mich nie ein Thema. Thierry hat Zwillinge, elfjährige Mädchen. Wir wohnen alle in einem Haus, die Ex-Frau in den unteren beiden Stockwerken, wir in den oberen – und die beiden Mädchen im ganzen Haus. Ich war zuerst unsicher, ob ich meine Rolle in diesem schon bestehenden Gefüge finde. Ich hab den beiden Mädels den Raum gelassen, herauszufinden, ob sie mich mögen, und ich hab mir selber diesen Raum auch genommen – so ist jetzt eine ganz schöne Beziehung gewachsen. Trotzdem will ich mein Leben, meine alten Freundschaften in Berlin nicht aufgeben – nur weil ich jetzt verheiratet bin.

Eigentlich ist die Situation – alle in einem Haus – filmreif.

Irgendwann gibt’s eine Komödie darüber (lacht).

Können Sie in New York weiterhin Schweizer Themen bearbeiten?

Jaja. Ich finde, der Blick wird aus Distanz klarer und schärfer. Meine Stoffe sind zudem eher die «ewigen» Schweizer Themen.

Sie sind in den USA am Recherchieren, an welchem Thema?

Ich schreibe an einer sechsteiligen SRF-Serie mit dem Titel «Frieden». Darin geht’s um die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg, eine sehr interessante Zeit, in der das Fundament für die goldenen Fünfzigerjahre gelegt wurde, in der aber auch deutsche Kriegsverbrecher in die Schweiz kamen. Wir haben beschlossen, eine Serie zu machen, damit man verschiedene Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen kann. Bis Ende Jahr wollen mein Ko-Autor Bernd Lange und ich die Drehbücher fertig haben, Dreh ist 2019.

Wann kommt Ihr erstes amerikanisches Thema auf die Leinwand?

Auch da bin ich dran. Zusammen mit einer deutschen Kollegin schreibe ich an einer Geschichte, die in einem amerikanischen Männergefängnis spielt. Es ist eine ganz feine, subtile Geschichte zwischen zwei Häftlingen, die wir mit amerikanischen Schauspielern drehen wollen.

Das heisst, Sie haben zumindest einen Fuss ins amerikanische Film-Business gesetzt! Helfen die Preise beim Tribeca-Festival?

Ja. Die neuen Kontakte, die Aufmerksamkeit hilft, damit wir an tolle Schauspieler herankommen.

Haben Sie am Anfang Ihrer Karriere von einem Filmpreis in New York geträumt?

Ich war am Anfang einfach froh, überhaupt einen Film machen zu können. Und ich finds unglaublich schön, dass ich dafür bezahlt werde, mir Geschichten auszudenken. Nur das Arbeiterkind in mir fragt sich manchmal bange: Hört das mal auf?

Eigentlich müssten die Anfragen jetzt nur so reinsprudeln.

Vielleicht. Aber ich will nicht irgendwelche Auftragsarbeiten, ich will meine Seele nicht verkaufen. In jedem Film steckt so viel Arbeit, Geld und Verantwortung, so viel von einem selber! Ich will bei jedem Werk sagen können: Wenn das mein letzter Film ist, war es gut.

Können Sie den Erfolg von «Die göttliche Ordnung» noch toppen?

Ich weiss es nicht.

Ich hätte eine Idee: Das Bundesamt für Kultur könnte Ihren Film für den Oscar, für den besten fremdsprachigen Film 2018 nominieren.

(lacht) Ja, das wär natürlich toll! Ist aber nicht in unserer Hand. Die Chancen, dass die Jury unsern Film auswählen wird, sind vielleicht nicht so schlecht, gerade auch, weil es in den USA einen Hype um «Göttliche Ordnung» gibt. Gestern habe ich eine Mail bekommen, dass Michael Moore sich den Film ansehen will ... Ich weiss aber nicht, welche anderen Schweizer Filme noch infrage kämen.

Einen nur annähernd so erfolgreichen Film gibt es in der Schweiz im Moment nicht. Ihr Film hat an den Schweizer Kinokassen selbst die weltweite Nummer eins «Beauty and the Beast» geschlagen.

Wir sind die Blockbuster-Monster! (lacht) Aber mal die Festivals von Locarno und Venedig abwarten! Wenn da ein Schweizer Film Furore macht ... Die Nomination wäre sowieso nur der erste Schritt. Bis zum Oscar ist es ein sehr, sehr langer Weg.