Interview

77 Jahre und kein bisschen leise: Toni Vescoli kommt mit Les Sauterelles in die Ostschweiz

Toni Vescoli verkörpert 60 Jahre Musikgeschichte. Er war einer der frühen Rock'n'Roller der Schweiz und mit seinen «Swiss Beatles», den legendären Les Sauterelles, ein Pionier der hiesigen Rockszene. Diesen Freitag spielt die Band in Wil.

Christoph Sulser
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Ob solo oder mit Les Sauterelles, Toni Vescoli ist ein Vollblutmusiker durch und durch. (Bild: Mareycke Frehner)

Ob solo oder mit Les Sauterelles, Toni Vescoli ist ein Vollblutmusiker durch und durch. (Bild: Mareycke Frehner)

Dieses Jahr wurde das 50-Jahr-Jubiläum von Woodstock gefeiert. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Toni Vescoli: In der Schweiz erfuhr man erst vom Festival, nachdem es vorbei war. Damals inspirierte mich Woodstock, und ich hätte gerne etwas Ähnliches auf die Beine gestellt. Aber mir fehlten die Zeit und das Budget.

Was ist von den «Flower- Power»-Idealen geblieben?

Die Hippiekultur schlug sich vor allem in der Mode nieder. Dies haben wir auch mit den Sauterelles zelebriert. Wir hatten lange Haare, traten an Konzerten mit geschminkten Gesichtern auf, ich zusätzlich mit bemaltem Oberkörper. Wir schmückten die Bühne mit Blumen und spielten eigene Songs und Sachen von den Beatles aus dem «Sgt.Pepper’s»- Album. Das kam gut an beim Publikum.

«Doch in der Schweiz waren alle zu 95 Prozent nur «Wochenend- Hippies», die ansonsten ein geregeltes Leben führten. Auch ich war damals kein Hippie.»
Les Sauterelles in der aktuellen Besetzung: Toni Vescoli, Düde Dürst, Peter Glanzmann, Freddy Mangili (von links). (Bild: PD/Geri Born)

Les Sauterelles in der aktuellen Besetzung: Toni Vescoli, Düde Dürst, Peter Glanzmann, Freddy Mangili (von links). (Bild: PD/Geri Born) 

Erklären Sie ...

Die Hippie-Philosophie war nicht die meine. Es war nie meine Sache in den Tag hinein zu leben und keinen Brotjob zu haben. Ich war fleissig und gab Konzerte, schliesslich musste ich meine Familie ernähren. Die Schweiz war in den Sechzigern bereits eine Wohlstandsgesellschaft, in welche sich die Hippie-Ideale auch nicht einfach so integrieren liessen. Selbst­versorgende Kommunen gab es bei uns kaum.

Seit den frühen 1960ern sind Sie im Musikgeschäft tätig. Was treibt Sie an?

Ich habe mich einmal als Adrenalinjunkie bezeichnet. Das Musizieren ist wie ein Virus, der einen befällt und nicht mehr loslässt. Zudem ist es gesund und fördert einen geistig. Während das Textlernen früher wie von selbst ging, braucht es heute grössere Anstrengungen. Das ist aber auch gerade das Schöne – es fordert mich heraus.

Mit dem Album «View To Heaven» und der Hitsingle «Heavenly Club» gelang den Sauterelles 1968 der Durchbruch. War dies Ihr Karriere­höhepunkt?

Es war sicher ein Höhepunkt, der aber von der Geburt meiner Tochter Natalie in den Schatten gestellt wurde. Das war für mich und meine Frau Ruthli das wichtigste Ereignis in jenem Jahr. Bereits zehn Tage nach der Geburt nahmen wir sie mit auf Tournee.

Dann hat Ihre Tochter die Musik quasi mit der Muttermilch aufgesogen ...

Schon, wobei ich sie nie zur Musik gedrängt habe. Sie sollte ihren eigenen Weg gehen und widmete sich später der Sozialarbeit. Erst vor kurzem, mit 51 Jahren, hat sie von sich aus mit Gesangsunterricht begonnen.

Ihre eigene Kindheit verbrachten Sie zum Teil in Peru. Hat dies Ihr späteres Leben geprägt?

Ich denke schon. Ich habe gelernt, offen gegenüber Neuem zu sein. Es gab Zeiten, da wohnte meine Familie in einem Elendsviertel. Dafür wurde auf der Strasse viel musiziert, neben lateinamerikanischer Musik auch Blues und Swing. Das hat mich sicher beeinflusst.

Sie waren oft in den USA, um Songs aufzunehmen. Was verbindet Sie mit dem Land?

Mit der Hälfte der Bevölkerung kann ich zwar nichts anfangen, doch landschaftlich ist Amerika fantastisch. Ich würde es gerne mehr bereisen. Die grösste Verbindung ist die Musik, mit der ich mich beschäftigte, denn diese stammt hauptsächlich aus Amerika: Blues und vor allem Country. Aus der Mischung dieser beiden Stile entstand schliesslich der Rock’n’Roll. Elvis war Ende der 1950er für mich die Initialzündung. Er machte die schwarze Musik salonfähig.

Was machen Sie neben der Musik als Ausgleich?

Ich habe gar keine Zeit für etwas anderes. Neben dem Musizieren mache ich von der Promotion über das Management bis zum Newsletter alles selbst. Wenn ich könnte, würde ich gerne mehr malen. Ich fotografiere immer irgendwelche Motive, die ich später eventuell einmal für meine Malerei verwenden könnte.

Sie sind seit über 50 Jahren verheiratet. Wie führt man eine glückliche Beziehung?

«Es ist ein glücklicher Zufall», brachte es meine Frau Ruthli einmal auf den Punkt. Man kann das nicht erzwingen. Wir haben das Glück, dass wir in vielen Bereichen zusammenpassen. Es gibt Dinge, die sich positiv auf eine Beziehung auswirken. Die Kommunikation ist zum Beispiel sehr wichtig.

«Wir essen mindesten zwei Mal am Tag zusammen, wobei das Handy konsequent vom Esstisch fernbleibt. »

Wenn sich im Restaurant Paare lieber mit ihren Handys beschäftigen, als miteinander zu reden, wundert mich das schon. Aber jeder ist anders. Zeit miteinander zu verbringen, funktioniert für uns, für andere wieder nicht.

Wie feiern Sie Weihnachten?

An Weihnachten kommt bei uns die Familie zusammen. Das ist mir sehr wichtig. Für meinen Enkel habe ich gar das Weihnachtslied «Schneemaa» geschrieben.

Werden Sie es an Weihnachten vortragen?

Nein. Da ich rund um die Uhr mit Musik beschäftigt bin, brauche ich im Privaten nicht auch noch zu singen.

Zur Person

Toni Vescoli (77) wuchs in Zürich, Peru und Küsnacht auf, lernte Hochbauzeichner und gründete 1962 Les Sauterelles. Von Bands wie The Shadows und später den Beatles beeinflusst, sorgten die «Grashüpfer» bald für Furore. 1968 hielt sich ihre Single «Heavenly Club» wochenlang an der Spitze der Schweizer Hitparade. Als sich die Band 1970 auflöste, startete Vescoli eine Solokarriere mit Mundart-Alben. Die Vescolis wohnen in Wald im Zürcher Oberland.

Konzerttipp

Diesen Freitag, 29.November, spielen Les Sauterelles im Gare de Lion in Wil. Türöffnung um 19.45 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr.