Interview

«70 ist eine gute Zahl, um aufzuhören»: Die St.Galler Poetry-Slam-Reihe «Tatwort» findet im April zum letzten Mal statt

Bald ist Schluss mit der Veranstaltungsreihe «Tatwort», einer Mischung aus Lesung, Satire und Poetry-Slam. Neun Jahre lang haben Richi Küttel, Etrit Hasler und Ralph Weibel einmal im Monat ihre Texte gelesen und einen Gast begrüsst. Veranstalter Lukas Hofstetter erklärt, warum der «Tatwort» im April endet.

Roger Berhalter
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So fing es an: Bild vom ersten St.Galler «Tatwort» vom 10. Oktober 2011 mit Ralph Weibel, Etrit Hasler und Richi Küttel (von links).

So fing es an: Bild vom ersten St.Galler «Tatwort» vom 10. Oktober 2011 mit Ralph Weibel, Etrit Hasler und Richi Küttel (von links).

Bild: Michel Canonica

Den «Tatwort» wird es bald nicht mehr geben. Liegt es am fehlenden Publikum?

Lukas Hofstetter: Nein, überhaupt nicht. Gerade die letzte Ausgabe war wieder ausverkauft, die Stimmung super. Da wurde ich schon ein bisschen wehmütig. Aber wir hören lieber auf, solange es Spass macht.

Lukas Hofstetter, Kulturveranstalter.

Lukas Hofstetter, Kulturveranstalter.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Mit «Wir» meinen Sie auch Richi Küttel, Etrit Hasler und Ralph Weibel. Diese drei alten Hasen der Slamszene haben den «Tatwort» neun Jahre lang geprägt. Gehen Ihnen jetzt die Ideen aus?

Nein, im Gegenteil, sie texten mehr denn je. Aber wir haben uns alle weiterentwickelt. Etrit schreibt Kolumnen und tritt wieder öfter als Slam-Poet auf. Richi hat eine CD mit «Tatwort»-Texten herausgebracht und ein Soloprogramm geschrieben. Und Ralph tritt jetzt zusammen mit Christian Weiss vom Musikkabarett-Trio Heinz de Specht auf. Es ist viel passiert und viel Neues entstanden.

Für den «Tatwort» bleibt da kein Platz mehr?

Ohne ihn haben wir jedenfalls wieder mehr Luft, um Neues anzupacken. Wir alle brauchen diese Abwechslung. Auch beim «Tatwort» haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder neue Elemente eingebaut. Das Publikum kann jetzt zum Beispiel Wörter vorgeben, zu denen das «Tatwort»-Trio dann texten muss. Wir fanden aber auch, dass 70 eine gute Zahl ist, um aufzuhören. Der letzte «Tatwort» wird der 70. sein.

Sie organisierten vor 20 Jahren die ersten Poetry-Slams in St.Gallen. Jetzt sind Sie als Veranstalter immer öfter in Zürich tätig.

Ja, ich konnte Poetry-Slam Zürich übernehmen und organisiere jetzt grosse Shows im Volkshaus und im Schauspielhaus. Ein Höhepunkt war 2018 die Organisation der deutschsprachigen Meisterschaften mit 300 Slam-Poeten und 15000 Zuschauern.

Mit anderen Worten: Für das kleine St.Gallen haben Sie keine Zeit mehr?

Nein, das stimmt so nicht. Die anderen Poetry-Slam-Reihen in der Stadt laufen ja weiter. Konkret die Slam-Abende in der Grabenhalle oder auch die Slam-Show am Open Air.

Sie haben aber auch die Organisation der Eisdisco im Lerchenfeld abgegeben. Kehren Sie St.Gallen allmählich den Rücken?

Nein, mein Büro befindet sich im Lattich-Quartier am Güterbahnhof. Ich bin happy hier.

Lange fanden die «Tatworte» in der St.Galler Baracca-Bar statt, mittlerweile ist die Lesebühne in der Süd-Bar zu Hause.

Lange fanden die «Tatworte» in der St.Galler Baracca-Bar statt, mittlerweile ist die Lesebühne in der Süd-Bar zu Hause.

Bild: Michel Canonica

Haben Sie den Namen «Tatwort» schützen lassen? Werden Sie ihn weiterhin verwenden?

Nein. Der Name fiel uns an einem Grillfest zu Hause bei Ralph Weibel ein. Der «Tatort» im Fernsehen ist ja vielen Schweizern heilig. Aber genau das war von Anfang an die Idee: Am Sonntagabend eine bessere Alternative zu bieten.

Noch zweimal findet der «Tatwort» statt. Was darf man erwarten?

Im März haben wir Katinka Buddenkotte als Gast eingeladen. Ein Urgestein der Szene und mittlerweile Bestsellerautorin. Im April kommt dann Rainer Holl, der erfolgreichste Slammer im deutschsprachigen Raum. Es wird bestimmt einen krönenden Abschluss geben. Wir wissen aber noch nicht genau, wie er aussehen wird.

Letzte zwei «Tatworte»:
8.3. (mit Katinka Buddenkotte)
und 12.4. (mit Rainer Holl),
20 Uhr, Süd-Bar, St.Gallen.

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Julia Stephan